Das ist schon kurios: Am Anfang wie am Ende des „Goldenen Zeitalters des Bordells“ in Frankreich standen die Deutschen. Es erstreckte sich von der Zeit nach dem Krieg 1870/71 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, also während der Dritten Französischen Republik. So ein immerhin leicht frivoles Buch wie „L’Age d’Or des Maisons Closes“, geschrieben von dem französischen Schriftsteller Alphonse Boudard und dem Journalisten Romi, übersetzt, recht gut, von Rudolf Kimmig, muß wohl in seiner deutschen Ausgabe einen Klappentext tragen, in dem es heißt: „Dieses Buch ist eine Augenweide, aber es dokumentiert auch die Geschichte der käuflichen Liebe ... in ihrer ganzen sozialen Problematik.“ Gerade dies tut es glücklicherweise nicht. Es verschont den Leser, der sich an vielen Bildern ergötzen kann, mit moralischen Betrachtungen über die Ausbeutung der Frau und die Würde des Mannes, erläutert nicht die heimlich-unheimliche Bedeutung des Sexus im menschlichen Leben, diskutiert nicht die Vorzüge und Nachteile der kasernierten Prostitution gegenüber der freischweifenden, nimmt nicht Partei, wenn auch die eher skurrilen und liebenswerten Seiten der „Luxusclubs“ etwas stärker beleuchtet werden Es beschreibt einfach, was da war ehe es am 13. April 1946 verboten wurde: die Halbwelt, vor allem in Paris vom „One Two Two“ bis zum „Sphinx“, aber auch in einigen Provinzstädten. Und viele Augenzeugen kommen zu Wort. „Augen“? Sind die denn das Organ, an das einer zuerst denkt? Jedenfalls sind sie es, die den französischen Bordellen Dauer verliehen haben. Da fällt einem zunächst Toulouse-Lautrec ein, dessen Bild vom „Salon“ heute Millionen wert ist. Die Sängerin Yvette Gilbert berichtet: „Während er seinen Bleistift spitzte, erzählte mir Lautrec, wie gern er in den Freudenhäusern lebte, die Prostitution beobachtete, die Schamgefühle der Kunden, die langsam schwanden, und versuchte, die Gefühle der armen Kreaturen, die als Verwalterinnen der Liebe arbeiteten, zu verstehen.“ Aber auch van Gogh sah sich gerne Bordelle an, ließ sich in Paris mitnehmen von seinem Freund Toulouse-Lautrec, ging nach der Übersiedlung in die Provence auch allein los durch die übel beleumundeten Häuser von Arles. „Die braven Huren“, schrieb er an einen Freund, „haben Angst, sich zu kompromittieren; sie befürchten, daß man über ihre Porträts lacht.“ Ein Bordell-Bild malte er trotzdem. Schließlich Degas. Die Nachlaßverwalter waren nicht wenig erstaunt, unter den Skizzen und Monotypien zierlicher Tänzerinnen auch Bilder von Frauen zu finden, deren Beruf gewiß nicht das Tanzen war. Wie die Maler, so die Dichter. Flaubert machte kein Geheimnis aus seinen Neigungen zu den „kleinen Engeln“. Eine der schönsten Geschichten Guy de Maupassants ist dem „Maison Tellier“ gewidmet. Ursprünglich sollte sie „Die Bordellmädchen bei der Erstkommunion“ heißen, aber dieser Titel hätte dem Welterfolg wohl doch im Wege gestanden. Und schließlich Georges Simenon, der für Mädchen zunächst viel mehr übrig hatte als für Maigret. Einen Band von Erzählungen über sie, „Au Grand 13“, veröffentlichte er schamhaft unter dem Namen Gom Gut. Aber unter eigenem Namen schrieb er: „Ich respektiere die Professionellen .. ., und ich kann nur sagen, daß viele von ihnen mehr Würde haben als manche verheiratete Frau.“ Ein Buch der Erinnerungen, ein Buch zum Nachdenken. Auch Schmunzeln ist erlaubt. Empörung wäre fehl am Platz. Schließlich weist es zurück auf eine Zeit, als Jungfräulichkeit noch Sammlerwert hatte. Durch die Bordelle wurde sie geschützt.

Rudolf Walter Leonhardt