Von Fredy Gsteiger

Der Kommandeur des dreizehnten schwedischen Fliegergeschwaders, Oberst Göte Pudas, nickt anerkennend. Seine Begleiterin vom Flugzeughersteller Saab-Scania beißt sich auf die Unterlippe. Ein Pilot aus Pudas’ Einheit hat eben eine beeindruckende Serie von Loopings, Rollen und Tiefüberflügen auf dem Rücken hingelegt. Jetzt bereiten Milizsoldaten die Viggen mit den drei gelben Kronen auf blauem Grund für den nächsten Einsatz vor: Nur zehn Minuten darf dieser "Boxenhalt" dauern. "Wir haben gute Piloten", meint voll Stolz der Geschwaderführer, "und wir haben gute Flugzeuge." Demnächst sollen auf dem Fliegerhorst Bravalla bei Norrköping auch die neuen, bei Saab entwickelten Allzweck-Kampfflugzeuge JAS-Gripen fliegen. "Wir müssen gut sein, aber es darf nicht zuviel kosten", meint der Oberst.

Von schwedischer Neutralität will der seit Herbst amtierende, nach Europa orientierte Ministerpräsident Carl Bildt nur mehr wenig wissen: "Wir leben in Zeiten des Wandels. Ein Wort reicht nicht länger aus, um eine Politik zu benennen." Jene, die dem "Mythos der Neutralität" nachtrauern, hält er für sentimental. "Unsere Neutralitätspolitik ergab sich aus einer bestimmten Situation – diese ist seit dem Ende des Kalten Krieges vorbei." Bildt hängt daher seiner Außenpolitik ein vielseitig interpretierbares Etikett um: "Sie hat eine europäische Identität."

Allerdings will der dynamische Premier, dem Außen- und Sicherheitspolitik Herzensangelegenheiten sind, starke unabhängige Streitkräfte behalten: "Wenn wir Schweden nicht verteidigen, tut es keiner." "Wir sind neben der Türkei das einzige europäische Land, das den Verteidigungshaushalt erhöht", frotzelt Sture Ericson, sozialdemokratisches Mitglied im Militärausschuß des Reichstages. Im Grunde will auch seine nach den jüngsten Wahlen in die Opposition verdrängte Partei an starken Streitkräften festhalten. Nur wenige Schweden fordern lautstark eine Friedensdividende. "Die Menschen hier sind sich bewußt, in einer Gegend zu leben, die weniger stabil ist als andere in Europa", meint Verteidigungsstaatssekretär Michael Sahlin. Kaum einer glaubt noch an eine Invasion, es sei denn von Deutschen auf der Pirsch nach Sommerhäusern, doch das Baltikum, Kaliningrad oder die Kola-Halbinsel gelten als "problematische Nachbarräume".

So sieht denn der neue Fünfjahresplan für die Verteidigung zwar eine kleinere, aber eine teurere Armee vor. Um 7,5 Milliarden Schwedenkronen (fast 2,5 Milliarden Mark) soll der Verteidigungshaushalt anwachsen. 140 neue JAS-Flugzeuge werden beschafft; bald sollen moderne Panzer bestellt werden; ein hochmodernes Stealth-Schiff wird entwickelt. Gleichzeitig wird die Zahl der Fliegergeschwader und Armeebrigaden reduziert. Nicht länger wird jeder Schwede zum Wehrdienst eingezogen. Das Land ist auf dem Weg zu einer schlanken, schlagkräftigen High-Tech-Armee. Schweden blickt wachsam nach außen. Im Büro von Außenministerin Margaretha af Ugglas steht nicht nur ein altertümlicher Kamin, sondern auch ein Weltempfänger. Durch die hohen Fenster fällt der Blick auf. das Denkmal Gustav Adolfs. Er schaut in Richtung Ostsee, Schwedens langjährigen Herrschaftsraum.

Als ein Marineschiff mit Schwedenkönig Carl Gustav an Bord vor zwei Wochen zum Staatsbesuch in Tallinn einlief, jubelten Zehntausende von Esten. Die Soldaten der Ehrengarde strahlten in ihren geschenkten französischen Uniformen ebenso wie die an Parkwächter gemahnenden Sicherheitskräfte. Erinnerungen an die "schöne, alte schwedische Zeit" wurden heraufbeschworen. Doch so beharrlich die Regierung in Stockholm als Fürsprecher der ehemaligen Untertanen auftritt, so rasch hat sich die im ersten Enthusiasmus genährte Illusion verflüchtigt, Schweden könne aus eigener Kraft den Ostseeraum zu einem neuen Kraftzentrum aufmöbeln.

Die außenpolitische Hinwendung gilt in erster Linie der Europäischen Gemeinschaft, ein Kurswechsel, den die Sozialdemokraten bereits Mitte vorigen Jahres mit dem Beitrittsgesuch eingeleitet haben. "Weniger Managua und mehr Brüssel", lautet neuerdings die Devise. Noch unter dem ermordeten Olof Palme waren schwedische Ministerbesuche in Nicaragua zahlreicher als solche in Großbritannien. Die Zeiten sind vorbei. Was bleibt, auf Drängen der Juniorpartner in der bürgerlichen Regierung, ist das eine Prozent des Bruttosozialproduktes, das in die Dritte Welt fließt. Während führende Sozialdemokraten wie der außenpolitische Sprecher Pierre Schori noch die Hoffnung nähren, Schweden als moralische Supermacht könne, ja müsse erst EG-Europa verändern und vom Joch des Big Business, der unterentwickelten demokratischen Strukturen, der rechtsextremen Parteien und des Elends befreien, will Regierungschef Bildt den Beitritt auf jeden Fall und vor allem schnell. Ob er seinen ehrgeizigen Fahrplan einhalten kann, ist nicht sicher.