Am Anfang steht Erich, der Junge, der nicht reden mag, der "Stumme Erich", schemenhaft ins rechte Fenstereck gedrückt. Eine rote Backsteinmauer umschließt das Schweigen, aber dann, wiederum, spiegelt sich die Außenwelt im Fenster, liegt hinter Erich im Zimmer, angedeutet als schwarze Kontur. Ein einfaches Bild voller Rätsel. Da dürfen die Pädagogen interpretieren, die Psychologen deuten, ja selbst Freud hätte seine Freude an dem neuen Anthony Browne, dem "Nachtschimmi" gehabt. Nur setzt der virtuose Zeichner aus England mit seinen Blümchentapeten, Gorillas, Gitterstäben, den hellen und dunklen Seiten seiner kleinen Menschen, nach wie vor auf die Kraft der Bilder.

Man könnte bei Adam und Eva beginnen, beim Apfelbaum, bei der Verführung durch den Papagei, der Vertreibung aus der Welt des Schweigens und der Unschuld und der Einkehr ins Paradies. Oder wie Anthony Browne beim "Stummen Erich". Der Junge redet natürlich doch, wenn auch nicht selbst, sondern durch seinen geheimen Freund, seinen mutigen Doppelgänger: Ein Erich mit schwarzer Zorromaske, schwarzem Umhang und schwarzem Spitzhut, ein Nachtschimmi, der spricht, wenn Erich schweigt, der böse Traumgespenster verjagt, wenn Erich schläft, der offen in den Park geht, wenn Erich heimlich beobachtet, wie Marisa einen bunten Papagei-Drachen auf einer großen, grünen Wiese fliegen läßt. Marisa dreht den Kopf, ihr Gesicht auffordernd einem Erich in Nachtschimmi-Maske zugewendet, ein Bild, in dem die Spannung auf jedem Grashalm lastet, der zwischen den beiden wächst.

Und dann passiert es. Die Verkleidung liegt am Boden, Erich sitzt mit Marisa im prallgefüllten Apfelbaum. Und er redet. Das satte Grün der Wiese ist zu einem kleinen Fleck geschrumpft, die roten Äpfel leuchten unruhig vor einem gefährlich zarten Lichtgelb. Mit einem einzigen Bild ersetzt Browne ein Psychologiebuch, mit einem Bilderbuch ganze Bände. Wir können selbst die Bibel vergessen, denn da kommt nach der Sünde der Fall. Bei Browne dagegen sitzt Erich – jetzt ohne Nachtschimmi – in der Badewanne, liegt Erich – von einem leuchtend bunten Papagei träumend – im Bett.

Nur am nächsten Morgen ist der Schrecken über den verlorenen Nachtschimmi groß. Vier Bilder in kaltem Computerblau: Erich von hinten, die Schubladen durchwühlend, Erich, starr vor Entsetzen unter dem Bett suchend. Erich mißmutig im Bett liegend, Erich mit den Spielzeugtrümmern der Kindheit neben sich.

Szene für Szene, gleich einem Film, zeichnet Browne eine dramatische Verwandlung, eine Entwicklung, einen Verlust, einen Schritt ins Leben. Die Farben sind laut und bunt, wenn äußere Gefahr lockt; sie sind stumm und dumpf, wenn innere Wünsche und Ängste miteinander streiten. Über, unter oder neben dem sachlich-nüchternen Text von Gwen Strauss entfaltet Browne reale Gefühle, deren Grenzen, wie im Leben, zwischen Wirklichkeit und Traum verschwimmen.

So kommt es, daß am Ende Erichs schwarze Nachtschimmi-Verkleidung neben Marisas Papagei-Drachen und ein paar Äpfeln – ganz überflüssig geworden – vorne in der Bildecke liegt. In der Mitte sitzen, zwischen Bäumen und Papageien, ein sprechender Erich und eine lauschende Marisa. Und ein Licht – wie im Paradies.

Brigitte Jakobeit