Auch diese Geschichte wird dramatisch durch eine Frau, wie sooft seit den Geschehnissen im Garten Eden. Mario Chiesa, Chef der historischen Mailänder Altenstiftung Pio Albergo Trivulzio, trennt sich von seiner Ehepartnerin. Frau Chiesa beklagt sich eines Tages – zunächst erfolglos – bei ihrem Gatten, daß er doch aus vielen illegalen Quellen Geld schöpfe und deshalb großzügiger zu sein habe. Dabei beließ sie es nicht. Effektvoll erzählte sie davon auch noch an anderer Stelle. Die Staatsanwaltschaft sorgte dafür, daß eine geheime Kamera im Büro von Signore Chiesa aufgestellt wurde.

Von diesem Augenblick an lief alles so, wie wir es von Krimis her kennen: Ein Unternehmer tritt ein, drückt, um den Zuschlag zu einem Bauauftrag für das von der sozialistisch regierten Stadt verwaltete Altenwerk zu bekommen, dem Signore Chiesa das geforderte dicke Bündel Geldscheine in die Hand und verläßt ohne Worte den Raum. Carabinieri und Kripobeamte brechen als Augenzeugen der Anklage aus dem Verborgenen hervor. Chiesa wirft das Geldbündel und einen Zettel rasch ins Klo. Die Kamera hält aber auch das fest. Auf dem Zettel steht eine Nummer; eine Kontonummer, wie sich herausstellt. Den Rest der Geschichte können wir zusammenfassen: Inzwischen haben in dieser Angelegenheit mehr als 250 Politiker, Stadträte, Beamte, Funktionäre und Unternehmer im Gefängnis gesessen. Bei den meisten reichten einige Stunden hinter schwedischen Gardinen, um sie zur Aussage zu bewegen. Die Folge: Gegen 600 Personen – täglich werden es einige Dutzend mehr – ermittelt die Staatsanwaltschaft jetzt wegen Bestechung, Korruption und Betrug.

Was einige Architekten und Männer der Wirtschaft wie der Handelskammerpräsident Piero Bassetti seit Jahren behauptet haben, erweist sich als Wirklichkeit: In dem seit Kriegsende sozialistisch beherrschten Mailänder Rathaus hat das politische Establishment samt den zugehörigen christdemokratischen und kommunistischen Mitessern ein nahezu perfektes System installiert, das Korruption als ordentliche Haushaltsführung handhabte. Neu daran ist nicht, daß so etwas außer in Palermo, Rom und Neapel auch in Mailand möglich war, der Stadt, die bisher den Ehrennamen „Capitale Morale“, daß heißt moralische Hauptstadt, für sich in Anspruch nehmen durfte. Neu ist vielmehr, daß erstmals mutige Justizbeamte durchgreifen, daß die Korrumpierten mitarbeiten, sich zu Aussagen drängen und sogar der Korrupteur Chiesa zum Zeugen gegen ein System geworden ist, mit dem die Parteien sich finanzierten, in dem die Unternehmen Pools bildeten und per Computerprogramm ausrechneten, wann wer mit wem bei Aufträgen zum Zuge kommen mußte und was er dafür zu zahlen hatte. Die „Tangenten“ lagen zwischen fünf und fünfzehn Prozent. Da praktisch alle zahlten, hatte keiner einen Nachteil in dem bequemen und sicheren System – ausgenommen natürlich die italienischen Steuerzahler.

Noch vor einer Woche schätzte die Staatsanwaltschaft die gesamte Bestechungssumme für die vergangenen fünfzehn Jahre öffentlicher Bautätigkeit in Mailand auf 200 Millionen Mark. Inzwischen erscheint die Summe wie ein Kleckerbetrag. Allein die Erweiterung des Mailänder Stadions San Siro für die Fußballweltmeisterschaften kostete im Endeffekt 190 Millionen Mark statt der in der Ausschreibung festgelegten 121,5 Millionen Mark. Ob U-Bahn oder Krankenhäuser, städtische Bühnen oder der interkontinentale Flughafen Malpensa – überall flössen die schwarzen Gelder, wurden auf Schweizer Konten gewaschen, gingen zurück nach Mailand – und nach Rom.

Zur Stunde ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den eben erst zurückgetretenen Mailänder Bürgermeister Paolo Pillitteri, Schwager des sozialistischen Parteiführers Bettino Craxi, sowie gegen Pillitteris Vorgänger, Carlo Tognoli, der inzwischen Minister für Fremdenverkehr ist. Die Stufenleiter des Verdachts geht steil nach oben. Wird diesmal ein reinigendes Gewitter über das ganze System gehen? Die Aushebung des nationalen Augiasstalles der Korruption würde für die Italiener ein positives Zeichen setzen.

Friedhelm Gröteke