Von Christoph Bertram

Später hätte sie es so gerne gewollt. Aber vor wenigen Jahren, als Irmgard Schwaetzer noch Staatsministerin im Auswärtigen Amt war, fand sie die Nachfolge Genschers gar nicht verlockend: "Das Haus ist so auf ihn eingestellt, daß es für jeden, der nach ihm kommt, furchtbar schwer wird."

Das Auswärtige Amt (AA), das deutsche Außenministerium, ist ein Bienenschwarm von rund 8000 Mitarbeitern. Ein Drittel von ihnen tummelt sich in wabenartigen Diensträumen entlang der Bonner Adenauer-Allee, zwei Drittel in über 200 Auslandsvertretungen rund um den Globus. Achtzehn Jahre lang hat Hans-Dietrich Genscher hier gewaltet, länger als jeder seiner fünf Vorgänger seit Gründung der Bundesrepublik.

Bei dieser Zeitspanne ist es kein Wunder, wenn er das Amt nach seinem Gusto geformt hat. Nun, da ein Nachfolger in den flachen Ministerbau gegenüber dem AA-Hauptgebäude einzieht, stellt sich die Frage, ob Genscher es aber auch so deformiert hat, daß Frau Schwaetzers Warnung zuträfe. Um die Antwort vorwegzunehmen: Sie trifft nicht zu. "Klaus Kinkel", weiß ein erfahrener, durchaus Genscher-kritischer westlicher Diplomat in Bonn, "wird nur an einem Schalter drehen müssen, dann springt der Apparat sofort an."

Das Auswärtige Amt also bleibt bestehen, die Minister kommen und gehen? Nein, ganz so flüchtig ist das Genscher-Erbe nicht. Denn natürlich sind achtzehn Jahre – so lange, wie Bismarck einst an der Spitze der deutschen Außenpolitik stand – nicht spurlos am deutschen diplomatischen Dienst vorübergegangen. Dafür hat Genscher das Amt zu sehr auf seine Bedürfnisse zugeschnitten. Ein fünfzigjähriger Referatsleiter, der im Alter von 32 seinen Dienst antrat, hat nie einen anderen Chef als Hans-Dietrich Genscher gekannt.

Kritiker des Ministers wollen als prägenden Genscher-Beitrag zum AA ausgemacht haben, daß er sich von seinen Mitarbeitern nicht mehr beraten, sondern nur noch bestätigen ließ. Er habe seine Diplomaten gedeckelt, nicht mehr motiviert. Katzbuckeln sei zur üblichen Körperhaltung, vorauseilender Gehorsam zur üblichen Geisteshaltung deutscher Diplomaten geworden: "Das Auswärtige Amt hat verlernt, selbstständig zu denken. Alle verhielten sich nach dem Motto: Wie hilft man dem Minister, das zu tun, was er ohnehin will?"

Nun ist Hans-Dietrich Genscher gewiß ein Sklaventreiber und Leuteschinder, so wie er auch sich selbst treibt und schindet. Aber er ist im übrigen ein kluger Mann. Weil er selber Erfolg haben wollte, durfte er die Kenntnisse und Talente des Amtes nicht verkümmern lassen. In Wahrheit haben sich da zwei gefunden, die vorzüglich zusammenpaßten. "Wir sind von Berufs wegen vorsichtig, er ist von Natur aus vorsichtig", resümiert ein nachdenklicher AA-Beamter. Genschers Statur gab den Diplomaten Ansehen im Ausland und Gewicht in Bonner Ressort-Rangeleien; seine Fähigkeit, Offensichtlichkeiten als Offenbarungen zu präsentieren, entspricht der Neigung ihres Metiers.