Er singt jetzt wieder a bissl aufd Nacht, der Doktor Ringsgwandl aus Garmisch, der in einem Zirkuszelt in München sein neues Programm und seine dritte Platte vorgestellt hat: „Vogelwild“. Der Titel ist das Leute. „Das Leute“ – so hieß Ringsgwandls erste LP. Sie war vogelwild, vor drei, vier Jahren schon. Und jetzt protzt er damit wie ein Stimmungskünstler in der Provinz? „Vogelwild“ ist ein Hinterhalt.

Und eine letzte Erinnerung an den Ringsgwandl der Erfolgsjahre, an die „Trulla Trulla“-Zeit, den Kabarett-Rocker, der in schrillen Verkleidungen Hits parodierte, und an die anarchischen Tollereien eines genialen Brettlkünstlers, der nach Jahren des Mißerfolgs auf einmal in den Medien präsent war; dessen Publikum pro Abend von zehn auf tausend anstieg; der als Arzt im Showgeschäft ein gefundenes Fressen für Illustrierte und illustrierte Beilagen wurde. Hier war er zu besichtigen, der singende Sauerbruch, der weiße Bruder von Screaming Jay Hawkins. Aber dieser Anti-Star, gebürtig aus Reichenhall, ist nicht nur ein bayerisches Genie, sondern auch ein sturer Bock, weder durch Ablehnung noch durch Liebe umzustimmen. Einer, der seinen Weg geht, sich nicht umschaut, sich längst weiterentwickelt hat, kühner, schrecklicher, unzugänglicher wurde. Aber der in diesem Zirkuszelt auftrat, während über München unter schweren schwarzen Wolken eine Föhnlage zusammenbrach, war nicht mehr Zeitgeists Liebling, sondern des Garmischer Doktors wahrer Geist. Er hatte sein Gespenst geschickt, ein taperndes Endzeitwesen, das beim Singen in somnambulen Gängen wie ein schlaksiger Mutant seine Band umkreiste. „Die Ahnung“ hätte dieser Abend heißen können oder „Das Omen“. Es war dämonisch, prophetisch, beschwörend und eine Art bayerisches Halloween-Fest: Ringsgwandls Gespenst war gekommen, in unseren Totenköpfen wie in hohlen Kürbissen eine Kerze anzuzünden, auf daß uns ein Licht aufgehe. Der 2. Mai, als der Föhn zusammenbrach, war der Tag der Premiere – und doch bereits der Tag danach.

Auf dem Bühnenbocen liegt ein Blechfaß, aus dem ein Gesang kommt. Ringsgwandl, auf dem Hinterkopf eine Schweinemaske, besingt den Siegeszug der Amöben. Wie ein richtiger Kriecher robbt er vor seiner Band auf dem Boden: „Je linker und korrupter, desto geht’s dir besser. Hörst du nicht den Winselton, das sind die Schleimfresser.“ Dumpf trommelt der Drummer ein paar Nachrichten zurück in die Steinzeit – da richtet sich Ringsgwandl auf, die Schweineohren knicken ihm ab, und er sagt uns mit der dunklen Bierstimme eines bayerischen Medizinmanns, wie spät es eigentlich schon ist: „Keiner zeigt die Zähne, höchstens zwei wie bei die Ratzn. Alter, wieviel Uhr ist es? Das ist das Zeitalter der Teigbatzn.“ Dann kriecht er wieder zurück ins Faß und prügelt es mit einem Holzscheit.

Noch immer herrscht Zwielicht auf der Bühne, und Ringsgwandl hüpft in riesigen Pantoffeln, aus denen Hühnerkrallen wachsen, auf uns zu. Ei hat guten Rat dabei: „Hühnerarsch, sei vachsam!“ Und für das internationale Publikum die englische Übersetzung: „Chicken-ass, be watchful!“ Es ist, als träfe Lou Reed die Dadaisten, als sei Ringsgwandl von einer hochprozentigen Tom-Waits-Stimmung ergriffen, etwa derart: „My guitar has beert drinking.“ Ringsgwandl: „Du kannst schlau sein oder promoviert, hip oder habilitiert, das nützt nichts, wenn man doch nicht kapiert, daß hinten schon wer rumhantiert. Chicken-Ass ...“ Man wußte nie genau, ob Ringsgwandl noch mit uns spricht oder bereits den Mond ansingt.

Aber dann wurden mit diesen wunderbar einfachen, bluesigen Songs, den Höhepunkten seines Könnens (zu denen auch der Rap „Apokalypse Berlin“ gehört), Vorstadtballaden und Liebeslieder kombiniert, die in dieser Gespensternacht erschreckend profan und unpassend alltäglich wirkten. Es war, als wollte sich Ringsgwandl für seine künstlerische Entwicklung entschuldigen, die doch nur eine Konsequenz aus seinen früheren Arbeiten ist. Dramaturgisch ist dieser Abend fast eine Katastrophe, im einzelnen aber: eine Sensation.

In einem Begleittext zur Platte (die nur teilweise mit dem Programm identisch ist) schreibt Ringsgwandl: „Hauptsächlich, um der lästigen Frage zu entgehen, woher ich die Ideen zu meinen Songs habe, enthülle ich hier, daß sämtliches Material ... auf einen mir befreundeten Zollfahnder zurückgeht, der von sächselnden Unbekannten erstochen wurde, als er auf einer Dienstreise von Rosenheim nach Tegernsee in einem Wäldchen anhielt, um sein Wasser abzuschlagen. Zwei Jahre gingen seitdem ins Land, und immer noch gehört sein Fall zu den 0,5 Prozent unaufgeklärten Morden. (Hühnerarsch, sei wachsam!)“ Helmut Schödel