Der Markt allein? – Seite 1

Von Marion Gräfin Dönhoff

Mit dem Ausbruch von lang aufgestautem Rassenhaß in Los Angeles machte sich der Zorn über die soziale Benachteiligung der Schwarzen Luft. Da zeigte sich, daß der Markt, der angeblich die optimale Lösung für alle garantiert, dazu keineswegs in der Lage ist.

Es geht vor allem auf sozialem Gebiet nicht ohne staatliche Einwirkung, wie man in Amerika sieht, wo in den vergangenen zehn Jahren die Reichen um zwanzig Prozent reicher, die Armen um zehn Prozent ärmer wurden.

Auch im Osten geht es, mindestens in der Übergangsphase, nicht ohne Lenkung. Bisher wurde der Staat dort als Unterdrücker empfunden, nun ist er zum Adressaten der angestauten Erwartungen geworden. Die Folge: Abrupte Preisfreigabe und rasant wachsende Arbeitslosigkeit zeitigen maximierte Enttäuschung und minimierte Leistung.

Der plötzliche Übergang von Unterdrückung zu totaler Ungebundenheit weckt die Sehnsucht nach neuem Sinn und fester Ordnung. Die Frustration, die da entsteht, richtet sich automatisch gegen Liberalität und Demokratie. Sie läßt in manchen der befreiten Länder den Ruf nach dem "starken Mann" erschallen. Schon hat Boris Jelzin erklärt, der Kongreß der Volksdeputierten, diese "Quatschbude", solle sich nicht einmischen.

Zur Zeit schlägt den Politikern überall in der Welt Mißtrauen entgegen. Der Abscheu angesichts von Korruption, Kriminalität und Egozentrik wächst. Da versteht man, daß es nicht genügt, die Staatsform von Diktatur auf Demokratie umzuschalten, sondern daß die Gesellschaft verändert werden muß.

Auch unsere Gesellschaft ist keineswegs vollkommen, selbst wenn sie gern und viel über Menschenrechte und die Würde des Menschen doziert. Beide Prinzipien vergißt sie immer dann, wenn sie sich nicht mit ihren Interessen decken: Hundert politische Gefangene im kommunistischen Polen wurden mit Sanktionen geahndet – aber über 30 000 Schwarze, die ohne Verfahren in Südafrika im Gefängnis saßen, haben nur wenige im Westen entrüstet. Ronald Reagan, der Häfen vor der Küste eines fremden Landes verminen ließ und vorbeugend erklärte, er werde – sollte er vor ein internationales Gericht zitiert werden – nicht erscheinen, kam ohne Rüge davon. Schließlich zeugten auch die Bomben auf Libyen mitten im Frieden nicht gerade von der Respektierung des Rechts:

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Auch bei uns wird gesündigt: Deutschen Firmen, die mit gefälschten Adressen Waffen exportieren, mit denen dann Kurden samt Frauen und Kindern niedergemetzelt werden, oder die Giftgas-Fabriken an Saddam Hussein liefern, kann doch wohl die Würde des Menschen nicht viel bedeuten. Gar nicht zu reden von jenen Londoner Ärzten, die einem türkischen Patienten angeblich den Blinddarm herausoperierten, in Wirklichkeit aber eine Niere entnahmen, um sie zu Transplantationszwecken teuer zu verkaufen.

Unsere westliche Gesellschaft ist zu einer Raff-Gesellschaft degeneriert. Die meisten haben nur noch ihre eigene Wohlfahrt im Auge. Daran, wie sie das Wohl der Gemeinschaft mehren können, denken die wenigsten. Selbst Abgeordnete vergessen, daß sie dem Gemeinwohl verpflichtet sind, und sorgen erst einmal für sich selbst. Wer kann da noch Respekt vor den Politikern haben?

In New York wurden im vorigen Jahr 2200 Morde registriert, 10 000 Kinder von drogensüchtigen Müttern wurden mit Gehirnschäden und anderen Leiden allein in Kalifornien geboren. In Deutschland wächst die Zahl der Drogentoten jedes Jahr.

Wir müssen es schaffen, die Gesellschaft wieder zu humanisieren und die Gier der Bürger zu zähmen. Ohne Wandel kann der liberale Rechtsstaat nicht überleben. Vielleicht brauchen wir eine kleine Katastrophe, um die ausufernden Ansprüche der Menschen wieder auf das herkömmliche Maß zurückzustutzen.