Der Engel schien aus einem Gemälde des Fra Angelico heraus in die umbrische Grotte auf der Bühne des Pariser Palais Garnier zu treten, um dem Mönch Franziskus die Botschaft zu verkünden: „Gott blendet uns durch die Überfülle an Wahrheit. Die Musik trägt uns durch den Mangel an Wahrheit hindurch zu Gott. Du sprichst zu Gott durch die Musik – er wird dir durch die Musik antworten.“ Spätestens in diesem fünften Bild der Oper „Saint François d’Assise“ von Olivier Messiaen wird deutlich, daß die Titelfigur autobiographische Züge des Komponisten trägt, daß das Werk wie ein Kompendium seiner musik- wie existenzphilosophischen Anschauungen zu lesen und zu hören ist.

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Schon in seiner Schrift „Technik meiner musikalischen Sprache“, Paris 1944, forderte Olivier Messiaen „eine wahre, das heißt: eine spirituelle Musik – Musik als Glaubensakt; eine Musik, die alles berührt –, ohne dabei aufzuhören, Gott zu berühren“. Denn: „Um mit dauerhafter Kraft unsere Finsternisse zu schildern im Kampf mit dem Heiligen Geist, um die Tore unseres fleischlichen Gefängnisses bis zur Gipfelhöhe der Gebirge zu öffnen, um unserem Jahrhundert lebendiges Wasser zu geben, nach dem es dürstet, bedarf es eines großen Künstlers, der beides ist: ein großer Handwerker und ein großer Christ.“

Später, in einem Rundfunkgespräch, Paris 1958, bekannte er: „Ich habe immer eine Vorliebe für das Wunderbare gehabt. Meine ganze frühe Kindheit ist abgelaufen zwischen den Gedichten meiner Mutter und den Dramen Shakespeares. Ihre wahre Nahrung aber hat sie in den wirklichen Märchen der Wahrheiten – mit einem ganz großen W – des katholischen Glaubens erhalten.“

In seiner Dankesrede bei der Verleihung des Praemium Erasmianum, schließlich, Amsterdam, am 25. Juni 1971, formulierte er sein Credo direkt und ohne falsche Scheu: „Ich bin gebeten worden zu definieren, was ich glaube, was ich liebe, was ich hoffe. Was ich glaube? Das ist alles schnell und in einem Satz gesagt: Ich glaube an Gott. Und da ich an Gott glaube, glaube ich notwendigerweise an die Dreieinigkeit und darum auch an den Heiligen Geist (dem ich meine ‚Pfingstmesse‘ gewidmet habe), darum auch an den Sohn, an das Fleisch gewordene Wort, an Jesus Christus (dem ich einen großen Teil meiner Werke gewidmet habe).“

Kann man das: seine Arbeit einer der drei Existenzformen des Gottes widmen? „Man muß daran glauben. – Muß man?“ Gibt es das: eine religiöse, eine gläubige Musik? Kann ein Ton, eine Linie, ein Klang, eine Struktur, ohne daß ein hinzugefügter Text sie polarisierte, etwas ausdrücken von dem, was diese unsere Erfahrungswelt transzendiert, was wir nicht „wissen“ können, aber „glauben“ wollen?

Olivier Messiaen hat diese Frage für sich – und damit für uns – von Anfang an bejaht: Musik als, in Form wie Inhalt, Ausdruck des für wahr Gehaltenen, aber auch eines Lebensprinzips. Er überschrieb seine autonomen, also nicht textgebundenen Werke mit Begriffen, die zwar auf eine Art Programmusik schließen lassen könnten, die aber kaum mehr sind als Titel von musikalischen Bildern: Überschriften, die ein Musiker über die von ihm neu geschaffenen Logoi eines Mythos setzt – 1926 „Das himmlische Gastmahl“; 1930 „Diptychon“ (mit dem Untertitel „Vom irdischen Leben und der ewigen Seligkeit“); 1932 „Die Erscheinung der ewigen Kirche“; 1933 „Hymne über das Heilige Sakrament“; 1934 „Die Himmelfahrt“; 1936 „Die Geburt des Herrn“; 1939 „Die verklärten Leiber“; 1943 „Sieben Visionen vom Amen“; 1944 „Zwanzig Betrachtungen über das Jesuskind“ und „Drei kleine Liturgien über die Gegenwart Gottes“; 1950 „Pfingstmesse“; 1964 „Farben der himmlischen Stadt“; 1968 „Die Verklärung unseres Herrn Jesus Christus“; 1969 „Meditationen über das Geheimnis der Heiligen Dreieinigkeit“, 1986 „Buch des Sakraments“.