Von Carl-Christian Kaiser

Ziemlich mühsam war es ja: Auf Stottern und Stocken folgten weitschweifige Wortgirlanden. Aber immerhin – Manfred Stolpe hat offenkundig wirklich nicht gewußt, daß ihn die Stasi als IM „Sekretär“ führte. Und unter diesem Decknamen sind auch Informationen aus anderen Quellen festgehalten worden. Das hat der Stasi-Oberst a.D. Joachim Wiegand am Dienstag dieser Woche noch einmal bekräftigt. Diesmal sagte er vor dem Untersuchungsausschuß des brandenburgischen Landtags aus, der – so sein Auftrag – „Erkenntnisse hinsichtlich einer möglichen Tätigkeit Dr. Manfred Stolpes als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit“ sammeln soll. Nun scheint der Potsdamer Ministerpräsident aus dem Schneider zu sein – zumal der Bundesgerichtshof am gleichen Tag in einem ganz anderen Fall grundsätzlich entschieden hat, daß Stasi-Akten im Grunde nicht justitiabel sind.

Freilich, manchmal entwarfen die Antworten des ehemaligen Stasi-Offiziers geradezu ein Vexierbild. Die Kontakte Stolpes als Vertreter der Evangelischen Kirche schilderte er als so normal und vernünftig, daß ihn der SPD-Abgeordnete Reinhart Zarneckow konsterniert fragte, warum sich dann alles im geheimen abgespielt habe. Wiegand nach neuem Wortgewölk: Weil man eben ein Geheimdienst gewesen sei. Das Gelächter über diesen hilflosen Kalauer löste die Hochspannung, unter der alle standen.

So wird es wohl noch eine Weile weitergehen. Die Fragekunst der Abgeordneten im Untersuchungsausschuß ist noch nicht sonderlich ausgeprägt. Woher sollte sie bei ihnen als Novizen im Recherchiergeschäft auch kommen? Und selbst wenn sie sich darauf verstünden, so könnten doch auch sie die Hauptschwierigkeit nicht überwinden: Die Gespräche zwischen Kirche und Stasi fanden in aller Regel unter vier Augen statt. Also gibt es keine dritten Zeugen, mit deren Hilfe überprüft werden könnte, was die an jenen Kontakten unmittelbar beteiligten Kirchenleute und Stasi-Offiziere aussagen. Und daß die Stasi-Akten ganz objektiv festhalten, was geschehen ist, glaubt inzwischen kaum einer mehr, vielleicht nur noch Joachim Gauck. Die Akten, so erlaubt sich Manfred Stolpe schon zu spotten, seien nicht die Heilige Schrift.

Bei dieser Quellenlage können sich alle Untersuchungen der Sache nur annähern. Der Ausschuß wird am Ende nur auf Interpretationen seiner Recherchierergebnisse angewiesen sein. Was nimmt sich belastend und was entlastend aus? Und nach welchen Kriterien? Die Potsdamer Parlamentarier und jeder andere werden nur Ermessensurteile fällen können.

Auch daraus erklärt sich, daß immer mehr Akteure die Bühne betreten. Seit dem vergangenen Sonntag kennen wir jene acht Kirchenmänner, die Stolpe zu seinen engsten „Mitverschworenen“ zählt, alle ehedem oder unverändert auf wichtigen Posten in der Kirchenhierarchie. Ihr Auftritt hilft, Maßstäbe zurechtzurücken – so vor allem den durch die Stasi-Hysterie hervorgerufenen Eindruck, die gesamte Geschichte der Evangelischen Kirche in der DDR bestehe aus ihren Verbindungen zum Geheimdienst. Die Stasi-Kontakte, sagt zum Beispiel Pfarrer Ziegler, der Nachfolger Stolpes als Leiter des Kirchenbund-Sekretariats, hätten stets nur einen „schmalen Streifen“ der Beziehungen mit dem Staat ausgemacht.

Natürlich einen wichtigen, wenn nicht den wichtigsten Streifen. Die auf mögliche Stasi-Verstrickungen verengte Debatte reflektiert auf keine Weise die Umstände und Bedingungen, die noch vor drei Jahren in der DDR herrschten. Aber war immer jetzt als Zeitzeuge, zumal aus dem kirchlichen Bereich, auftritt, weiß zweierlei zu berichten: Zum einen, wie die Kirche um ihre Existeiz und um einen gewissen Spielraum kämpfte. Und zum anderen, wie sie nach dem Grundlagenvertrag zwischen Bonn und Ost-Berlin und erst recht nach den KSZE-Vereinbarungen von Helsinki, als es auch in der DDR zu brodeln begann, immer wichtiger geworden sei.