Von Wieland Schmied

Die Menschen sterben mir weg wie die Fliegen“, sagte Francis Bacon schon vor zwanzig Jahren zu seinem lebenslangen Gesprächspartner David Sylvester als Antwort auf die Frage, warum er immer häufiger sich selbst zum Bildgegenstand nehme und vor allem Selbstportraits male. Es seien immer weniger Freunde da, die zu portraitieren ihn reize, antwortete Bacon. „Der Tod begleitet uns immer. Er ist unser Schatten“, sagte er in einem anderen Gespräch.

Francis Bacon hat sich zeitlebens mit der Vorstellung des Todes auseinandergesetzt. Die Fleischlichkeit, die Hinfälligkeit, die Vergänglichkeit des Menschen waren sein großes Thema. Im Gespräch mit David Sylvester sagte er 1962: „Ich war schon immer sehr berührt von Bildern, die mit Schlachthäusern und Fleisch zu tun hatten. Es gibt da erstaunliche Photos von Tieren, die man kurz vor ihrer Schlachtung aufgenommen hat; und auch der Geruch des Todes gehört dazu. Wir sind ja schließlich selbst Fleisch, potentielle Kadaver. Jedes Mal, wenn ich einen Fleischerladen betrete, bin ich in Gedanken überrascht, daß ich nicht dort hänge anstelle des Tieres ...“

Francis Bacon war kein Sozialkritiker, kein Moralist, kein Weltverbesserer. Die Gesellschaft war ihm gleichgültig. Die Menschen hat er nicht geliebt. Sie haben ihm allerdings auch wenig Anlaß dazu gegeben. Ohne Mitleid sah er sie auf der Schlachtbank des Lebens. Die großen Katastrophen unserer Epoche, die in Wahrheit große Untaten waren – Auschwitz, Hiroshima –, hat er nicht reflektiert. Was er malte, war die Apokalypse unserer alltäglichen Existenz, die unablässige Präsenz des Todes, die Katastrophen der Einsamkeit. Was wir die Jahrhundertereignisse nennen, erschien ihm nicht darstellbar, aber den täglichen Schrecken und Verzweiflungen gab er eine epochale Dimension.

Bacons Menschen scheinen von Krämpfen geschüttelt, von Furien gepeitscht, von Erinnerungen verfolgt. In seiner Menschendarstellung dürfen wir Bacon mit einem Wort von Thomas Bernhard einen „Übertreibungskünstler“ nennen. Und doch ging es ihm um alles andere als um Übertreibung. Er wollte keine Monstren schaffen. Ihm lag nichts daran zu schockieren. Er meinte, sein Bild des Menschen sei viel eher Understatement, sei nur ein Bruchteil der Wirklichkeit. „Man braucht nur die Augen offenzuhalten und ein bißchen über die unterschwelligen Dinge Bescheid zu wissen, um zu begreifen, daß alles, was mir zu machen möglich war, diese Seite des Lebens nicht übertrieben hat.“

In William Faulkners Roman „Wilde Palmen und der Strom“ sieht sich einer der Protagonisten vor einer Lebensentscheidung: „Vor die Wahl gestellt zwischen dem Nichts und dem Leid entschied er sich für das Leid.“ Vor die Wahl gestellt zwischen der Leere und dem Ekel, entschied sich Francis Bacon für den Ekel.

Die Leere: das war die Perspektive, die sich dem jungen, vielversprechenden Möbel-Designer Francis Bacon um 1930 in London eröffnete, als er Glastische und Stahlrohrsessel in einem modisch-aseptischen Stil zwischen Bauhaus und Art déco entwarf. Die Leere: das verkörperte für ihn in späteren Jahren die abstrakte Kunst, aus der unsere Emotionen, unsere Triebe, unsere Verzweiflungen und Abgründe ausgeklammert bleiben.