Von Iris Radisch

Will man das lesen? Deutscher trifft Polin. Liebe. Heirat. Hochzeitsreise. Gemeinsame Gründung einer Deutsch-Polnischen Friedhofsgesellschaft. Rückkehr der vertriebenen Deutschen in polnische Erde. Ein deutschpolnisches Rührstück, eine Versöhnungsparabel für die gymnasiale Oberstufe, das Buch zur sozialdemokratischen Ostpolitik. Das alles könnte die neue Erzählung von Günter Grass sein. Und das alles ist sie nicht. Oder: Das ist sie auch, indem sie sich davon verabschiedet.

Nach den apokalyptischen Fabeln, nach den Streitschriften und touristischen Lehrbüchern, nach der „Rättin“, den „Kopfgeburten“ und dem Indienbuch „Zunge zeigen“ sind die „Unkenrufe“ ein liebevoller Abgesang auf die Welt des Günter Grass, eine Grabrede auf das alte Mitteleuropa, ein Totenbuch von der fröhlichen Art. Es droht noch mit allen Zeigefingern literarischer Didaktik, mit der barocken Emblematik, der aufgeklärten Fabel, der sozialpädagogischen Allegorie, um sie endlich und buchstäblich, mit großer ironischer Geste, unter die Erde zu bringen. Denn der eigentliche Held dieses ersten gesamtdeutschen Opus des berühmten deutschen Erzählers ist der Tod.

Am 2. November 1989, zu Allerseelen und wenige Tage bevor sich in Berlin die Mauer auftut, zupfen auf dem Danziger Markt zwei aufgeräumte Menschenkinder zufällig an denselben rostroten Astern im Asterneimer der Blumenhändlerin. Am Ende reicht es keinem zu einem Strauß. Doch Witwer Reschke aus Bochum überreicht der Witwe Piatkowska seine rostrote Beute: „So fügte sich das Paar.“

Noch am selben Tag, am Eiterngrab der Witwe Piatkowska, zwischen Blumen und Windlichtern, haben sie ihre alles entscheidende völkerversöhnende Idee: Sie beschließen die Gründung einer Deutsch-Polnischen Friedhofsgesellschaft, die dafür sorgen soll, daß die vertriebenen und geflohenen Danziger Deutschen zumindest als Leiche ein „Recht auf Heimkehr“ erhalten und auf einem Danziger Friedhof bestattet werden. „Wir werden machen sofort das“, schwärmt die Witwe, „und werden sagen laut, wo Politik aufhört und Mensch anfängt, nämlich wenn tot ist.“ Die Rückkehr der Toten soll der katastrophalen Geschichte des ausgehenden Jahrhunderts zur letzten Ruhe verhelfen, soll einen absurden Schlußstrich unter absurde Katastrophen setzen – als eine Art Parallelaktion im Herbst der mitteleuropäischen Geschichte.

Das ist so haarsträubend wie überzeugend. Und so überzeugend, weil haarsträubend. Zurück in Bochum, ist es dem Kunsthistoriker und geborenen Danziger Reschke ein leichtes, den schönen Plan mit altmeisterlicher Wendigkeit, Personalcomputer und Sekretärin ins Werk zu setzen und damit eine Realsatire auf das alte Europa zu inszenieren, die die Grenze zur Wahrscheinlichkeit nicht überschreitet. Satire und Realität sind in der nun einsetzenden westöstlichen Totenwanderung nicht zu unterscheiden, sind beide nur zwei Aggregatzustände derselben Wirklichkeit. Das Unwirkliche und Phantastische der Bestattungsaktion ist nur eine verschärfte Variante der täglichen, politischen Totengräberei. Das gibt der grotesken Idee des Paares einen rührenden Ernst, über den selbst der Erzähler spottet.

Mit einem beherzten Griff in die Klamottenkiste romantisch-ironischer Erzähltechniken kann sich der „Berichterstatter“ dieser Danziger Totensaga das Paar, die Idee und die Leichen bis zuletzt vom Leibe halten: Reschke, der Professor mit Baskenmütze, ein bedächtiger Mann, der auf Auslandsreisen stets seine Hausschuhe mit sich führt, schickt dem Erzähler seine Materialien, Briefe, Photos, Tagebuchkladden und Spesenabrechnungen von der Hochzeitsreise aus Rom zu, beschwört in bewegenden Worten die gemeinsame Danziger Schulzeit und erinnert daran, daß der Empfänger schon damals in jugendlichem Irrwitz Kröten verschlungen hat. Widerwillig und als unbeteiligter Chronist macht sich der Erzähler an die Arbeit. Er schluckt die Kröte.