Wolf Lepenies ist Soziologe, aber er schreibt nicht so. Sein Stil ist essayistisch, manchmal fast aphoristisch, ein brillanter Autor, der nur zuweilen in Gefahr gerät, seinen schönen Text mit zuviel Bildungsgut zu belasten. Lepenies ist weder DDR- noch Deutschland-"Forscher", doch gerade seine Distanz erlaubt ihm, Wesentliches zu erfassen. Lepenies, geboren 1941, verkörpert das Beste, was der westdeutsche Staat hervorgebracht hat – an Weltoffenheit, Unbefangenheit und demokratisch-pragmatischem Denken. Und als Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin und Gründer einer ähnlichen Einrichtung in Budapest hat er sich auch mit dem Osten vertraut gemacht.

Wenn ein solcher Autor die "deutschen Zustände" betrachtet, kommen ihm die "Überheblichkeit" der Westdeutschen und das "Ressentiment" der Ostdeutschen gleichermaßen ins Visier – es hagelt Wahrheiten für beide. Daß die DDR auch "unser Staat" war, müssen die Westbürger hören, denn Ulbrichts Schöpfung wäre auch deren Staat geworden, wenn sich die Alliierten 1945 bis zum Rhein zurückgezogen hätten. Ja noch mehr: Die Westdeutschen wären ebenso zu Mitmachern und Mitläufern des Kommunismus geworden, wie viele von ihnen es jetzt den früheren DDR-Bürgern vorwerfen.

Die Bewohner der alten Bundesrepublik, folgert Lepenies, wurden nicht die besseren, sondern die glücklicheren Deutschen; sie dürfen sich nicht als Verdienst anrechnen, was die Gnade der geographisch "richtigen" Geburt war; und sie sollten schon gar nicht so tun, als sei die Vereinigung das wohlgeplante Ergebnis ihrer Politik. Denn nur auf den Verteidigungs-, nicht auf den Vereinigungsfall waren sie vorbereitet – ein gelungener Satz, der mehr über die Bonner Republik sagt als lange Erörterungen.

Wie die meisten, die sich nichts vormachen, meint auch Lepenies, es habe zur schnellen Vereinigung in Wirtschaft und Politik keine Alternative gegeben. Um so stärker betont er, daß in Kultur und Wissenschaft durchaus Zeit gewesen wäre, nicht zusammenzunageln, sondern zusammenwachsen zu lassen. Dann wird er konkret. Wenn "Blockflöten" weiter Politik machen dürfen, weshalb Wissenschaftler nicht weiter Wissenschaft! Wenn man, was nötig ist, die politische Elle anlegt, dann nicht nur an die Geistes-, sondern auch an die Naturwissenschaftler! Wenn man fachliche Unentbehrlichkeit prüft, dann aber auch bei westdeutschen Einrichtungen! Und wenn man die frühere marxistische Einseitigkeit beklagt, darf man nicht selbst der umgekehrten Einseitigkeit verfallen.

Fast alles, was Lepenies den ostdeutschen Intellektuellen ankreidet, ist ebenfalls begründet: Irrtum über die Volksstimmung im Herbst 1989, unvertretbare Fügsamkeit gegenüber den Herrschenden, Abhängigkeit von Privilegien und Staatsversorgung, nachträgliche Anmaßung einer Oppositionsrolle, die nicht gespielt wurde. Aber leider entkräftet er seine Vorwürfe teilweise wieder, indem auch er den Kardinalfehler der gegenwärtigen Intellektuellen-Streitereien begeht: Er unterscheidet viel zuwenig. Seine Angriffe treffen fast alle, aber sind berechtigt manchmal bei vielen, oft nur bei wenigen.

Wer so scharf kritisiert, hätte den öffentlichen Protest der Kulturprominenz gegen die Biermann-Ausweisung wenigstens erwähnen müssen. Wer den Intellektuellen in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn bescheinigt, sie hätten die "Basis des Staatssozialismus unterminiert und ihn schließlich zum Einsturz" gebracht, übertreibt ein wenig (der Kommunismus ging an sich selbst zu Grunde) und vergißt, daß Schriftsteller und Künstler der DDR zwar für die politische Befreiung fast nichts, für die geistige aber eine ganze Menge getan haben. Woher kam denn sonst die zuweilen an Verehrung grenzende Anhänglichkeit vieler Ostdeutscher an ihre Autoren und das Bedauern, wenn wieder einer in den Westen ging?

Auf sicherem Terrain bewegt sich Lepenies wieder dort, wo er von den Gefahren der deutschen Vereinigung spricht: von einer Renationalisierung im Geistigen als Vorboten der Politik. Von der – in West wie Ost – bedrohten sozialen Geborgenheit als Legitimation der Demokratie. Von der "theologischen" Betrachtung der Nachkriegsgeschichte: Wenn die Spaltung Gottesstrafe war, bringt die Vereinigung Absolution – nun können wir wieder so ungehemmt "deutsch" sein, wie wir es uns vorher verkneifen mußten!

Am Schluß stehen zwei schöne Sätze. Wir sollten lernen, "weise zu erinnern und weise zu vergessen". Und wir würden die deutsche Einheit nur vollenden, wenn wir uns aus der deutschen Befangenheit lösen und um andere bemühen: "in den Armutsgebieten Europas und in der Dritten Welt". Peter Bender