Von Karl-Heinz Stamm

BERLIN. – Für viele der einstigen DDR-Bürger ist eines klar: Jetzt sollen wir fertiggemacht werden. Schuld daran ist die Presse. Vermittelt sie doch den Eindruck, die Bevölkerung bestehe aus Spitzeln, Babymördern und Urinpantschern. Es herrscht Verunsicherung und Angst. Angst vor der öffentlichen Auseinandersetzung und Angst vor dem Meinungsterror. Der Freitod des PDS-Bundestagsabgeordneten Riege war ein Beleg dafür.

Was sind das für Medien, die die Angst vor der Presse wachsen lassen, anstatt das Vertrauen in die aufklärerische Wirkung zu stärken? Das Urteil ist schnell gefällt: Es ist der westliche Enthüllungsjournalismus, der mit seiner Gier nach immer neuen Sensationen über Leichen geht und bei dem das Humane auf der Strecke bleibt. Er schürt die Stasi-Hysterie und führt zu einem „plebiszitären Hexen- und Teufelssabbat“, wie das jüngst der SPD-Parlamentarier Herrmann Scheer formulierte.

Es ist richtig, der von Super!, Super Illu und Bild gepflegte Sensationsjournalismus hat kein Interesse an Aufklärung. Ihm geht es einzig darum, die Vorurteile der Leser auszubeuten und eine schnelle Mark zu machen. Es sind die Westroutiniers, die als Ostbetroffene verkleidet mit billiger Empöiung auf Stimmenfang gehen. Eirfache, schwarz-weiße Weltbilder sind gefragt: Gut und Böse, Arm und Reich, Ossi und Besserwessi. Denn eines ist klar, der Profit kennt nur einen Maßstab, und das ist die Auflage.

Und doch, bei solch globalen Urteilen ist Vorsicht geboten. Denn waren es nicht die Medien, die den einstigen Parteivorsitzenden der Ost-SPD trotz vehementen Leugnens, der Stasi-Verstrickung überführten? War es nicht Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin, das Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Barschel, trotz starken Gegendrucks, der öffentlichen Lüge überführte? Nicht zu vergessen die Flick-Affäre und der Skandal um die gewerkschaftseigene Neue Heimat.

Aber der Sachverhalt ist noch komplizierter. Da der DDR-Bürger die Berichterstattung über gesellschaftliche Mißstände früher nicht kannte, wird sie heute als Bedrohung erfahren. Das ist nur all zu verständlich, stecken die neuen Bundesbürger doch in einem tiefgreifenden Wandel, der ihnen die westlichen Strukturen, Normen und Werte in nahezu kolonialistischer Manier aufzwingt.

So fordern sie zu Recht, daß ihnen Zeit gelassen wird, vor allem aber, daß sich die Westdeutschen da raushalten sollen. In der Tat, das Ideal wäre eine öffentliche Auseinandersetzung, in der die einstigen DDR-Bürger sich untereinander und über sich verständigen. Ein Prozeß, in dem sie sich, ohne westliche Einmischung, ihre Vergangenheit vergegenwärtigen.