Von Hanns-Bruno Kammertöns

Obwohl jüngst in „Engeldamm“ umgetauft, ist Ostberlins ehemalige Fritz-Heckert-Straße touristisch betrachtet nicht gerade ein Muß. Keine Schaufenster, nur graue Wohn- und Bürobehältnisse. Hinter den Fenstern von Hausnummer 70, wo einst Harry Tisch und seine Genossen vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund beisammensaßen, hängen heute die Schilder der ÖTV. Auch nebenan, in Hausnummer 68, sind neue Mieter eingezogen. Die Tür, hinter der früher. das staatliche Lebensmittelprüfamt der DDR residierte, trägt jetzt ein neues Firmenschild: „German Control“.

Ein wohlklingender Name, der beim ersten Hinhören in die sicherheitssensiblen Bereiche der Luft- und Raumfahrt zu weisen scheint. Tatsächlich ist das Unternehmen jedoch höchst irdischen Dingen zugewandt. Seit Anfang des Jahres nimmt German Control, eine Tochterfirma des TÜV Rheinland, im Auftrag des Deutschen Sportbundes (DSB) Dopingkontrollen vor. Der DSB hat für die bisher vereinbarten 4000 Trainingskontrollen 890 000 Mark bereitgestellt.

Die ungewöhnliche Liaison begann im Frühjahr 1991, als German-Control-Geschäftsführer Wolfgang Noske in der Zeitung las, daß der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) auf der Suche nach einem effizienten, möglichst flächendeckenden Dopingkontrollsystem sei. Das wäre doch etwas für German Control, dachte sich Wolfgang Noske. Das junge Unternehmen, 1989 gegründet und bis dahin vor allem mit der Prüfung von Lebensmitteln und Mineralöl befaßt, hatte als TÜV-Tochter beste Referenzen vorzuweisen. Noske schickte seinen Firmenprospekt.

DLV-Generalsekretär Jan Kern, der sich bereits mit dem Gedanken befaßt hatte, das leidige Geschäft der Dopingkontrollen den Gesundheitsämtern anzutragen, reagierte prompt. Einen Monat später war die Zusammenarbeit beschlossene Sache. Der Leichtathletik-Verband beauftragte German Control mit der Beschaffung der Dopingproben, vom Oktober an für zunächst drei Monate. Rund 200 Mal sollten die Prüfer tätig werden, zum Preis von 150 bis 180 Mark pro Fall.

Offensichtlich war die Zusammenarbeit gut, denn bald darauf wurde auch der Deutsche Sportbund nach dem Beispiel seines Fachverbandes mit German Control handelseinig. Der Vertrag mit dem DSB wurde am 18. Dezember 1991 unterzeichnet, auch wenn sich alte TÜV-Leute angesichts des neuen Engagements etwas irritiert zeigten und anfangs statt von Urin lieber von „Körperflüssigkeit“ sprechen wollten.

Inzwischen gelten Noskes vierzehn Kontrolleure im Volksmund längst als „Doping-Polizisten“. Doch jeder, der sich hier phantasievoll das Bild einer schlagkräftigen Truppe im unerschrockenen Einsatz gegen die Anabolika-Sucht ausmalt, muß enttäuscht sein, wenn er die Räume von German Control am Engeldamm betritt. Abgesehen von einem Metallkoffer im Flur, in dem sich Pappbecher und Glasfläschchen türmen, deutet nichts auf geheime Missionen. Ab und zu ein Griff in den Kühlschrank zwecks Rubrizierung von Urinproben – das ist schon das Bemerkenswerteste.