Geschichten von Langzeitarbeitslosen erzeugen selten Kurzweil; sie wirken vergilbt wie die dazugehörigen Karteikarten des Arbeitsamtes. In Itzehoe mußte zur Überraschung mancher Sachbearbeiter eine stattliche Zahl dieser Karten umgeordnet werden – die Leute arbeiten wieder. Dank der „Aktion Beschäftigungshilfe“.

Heinz Albrecht freut sich immer noch über die große Wende in seinem Alltag. Der 49jährige ehemalige Dachdecker war 1978 wegen eines Bandscheibenschadens arbeitslos geworden. Er ließ sich zum Kaufmann umschulen. Vergebens: Einer ohne Berufserfahrung, zusätzlich belastet mit einer Diabetes, die ihn als behindert ausweist, ist auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt. Fast immer führt diese Situation in eine Krise. Davon kann auch Heinz Albrecht berichten: Seine Partnerschaft zerbrach, die Freunde stichelten, er war nicht selbstbewußt genug, um eine optimale medizinische Behandlung für sich zu fordern. Schließlich war er nur noch zornig – auf die Ärzte, die Freunde und sich selbst. Jetzt sagt er: „Aus dem Haß kam der Wille, mich zu behaupten.“ Vielleicht war das der Antrieb, zum Umschulungs-Institut der Grone-Schule in Itzehoe zu gehen, als das Arbeitsamt ihn zur „Aktion Beschäftigungshilfe“ einlud.

Drei Monate wurde er. mit zwanzig „Kollegen“ theoretisch unterrichtet. Dann sollte ein sechsmonatiges Praktikum in einem Betrieb beginnen. Bei Heinz Albrecht kam es nicht mehr dazu, er stellte sich in der Registratur einer Landesbehörde vor und wurde prompt eingestellt. Dort arbeitet er nun seit acht Monaten – und gern. „Das Wichtigste am Kurs“, glaubt er, „war, daß man nicht mehr nur auf sich alleine hoffen und um sich alleine bangen mußte.“

Solche wie Heinz Albrecht gelten bei den Arbeitsämtern als „schwer vermittelbar“, inoffiziell auch als erledigt. Wenig enthusiastisch startete das Arbeitsamt Itzehoe im April 1990 den ersten von drei Kursen zur Wiedereingliederung ihrer Klientel in den Arbeitsmarkt. Wer teilnahm, sollte mindestens ein Jahr lang arbeitslos gewesen sein. Eine Voraussetzung, die die insgesamt 54 Frauen und Männer locker erfüllten: Im Schritt hatten sie mehr als vier Jahre lang zu Hause jesessen. Skeptisch blickten die Sachbearbeiter auf die altbekannten Namen, und die Grone-Mitarbeiter, an leistungswillige Umschüler gewöhnt, gaben der „Problemgruppe“ wenig Chancen. Nicht einmal die Kursteilnehmer trauten sich eine Zukunft zu. Jetzt zahlen 42 von ihnen wieder Beiträge an die Bundesanstalt für Arbeit.

Silke Martens leitete die Kurse und ist jetzt natürlich stolz. „Sorge und Kontrolle“ habe ihr Verhältnis zu den Kursteilnehmern bestimmt. Sie warb bei den Unternehmen für Praktikums- und Arbeitsstellen. Schon denkbar, daß ihre persönliche Ausstrahlung auch die Arbeitslosen aus dem grauen Image zog. Aber bewähren mußten sich die Praktikanten schließlich selbst, täglich neu. „Es muß in jedem noch einen Punkt geben, wo er ein anderes Leben riskieren will und auch das echte Wagnis einer persönlichen Veränderung eingeht“, sagt Silke Martens. Schaffen das denn alle? Wem es nicht gelingt, den Schlendrian des freien Lebens in den Griff zu bekommen, muß gehen. Sechs Teilnehmer beendeten im letzten Kurs nicht einmal die drei Schulungsmonate.

Joachim Müller hebt deshalb ganz auf seine Initiative und Leistungsfähigkeit ab. Der 34jährige ehemalige Kfz-Schlosser war vier Jahre arbeitslos. Bis zu sechzig Bewerbungen habe er pro Jahr geschrieben. Seine Familie bestärkte ihn, nicht aufzugeben. Als das Arbeitsamt ihn aufforderte, an dem neuen Kurs teilzunehmen, war er „sehr kritisch“. Er fand es einfach „komisch, als erwachsener Mann noch einmal die Schulbank zu drücken“. Als dann das Praktikum begann, sah er Licht am Ende des Tunnels, „da lebte ich auf“. Er begann in einer Schlosserei, die ihn Mitte April fest übernahm und dafür einige Monate lang Lohnzuschüsse der Bundesanstalt für Arbeit kassiert. Die tägliche Herausforderung genießt er ebenso wie das Vertrauen, das ihm von Vorgesetzten und Kollegen entgegengebracht wird. Und was, wenn er wieder arbeitslos wird? Joachim Müller zögert mit der Antwort. Dann kommt: „Unvorstellbar!“ Noch scheint das neue Selbstbewußtsein fragil. Lieber erzählt er von seinem Urlaub: Im Juli will er nach Irland, darauf hat er sechs Jahre lang gewartet. Schnell verabschiedet er sich – ein Termin für „seine Firma“ drängt.

Obwohl die Bundesregierung Aktionen wie diese finanziell unterstützt, verkündete das Arbeitsamt in Itzhoe das – vorläufige? – Ende des Projekts. Sein Leiter Holger Jung bestätigt zwar den individuellen und sozialen Nutzen, bedauert aber den Mangel an Fachleuten in seiner Behörde. Der Grund: Versetzungen und Amtshilfe für Mecklenburg-Vorpommern. So wird die Arbeitslosigkeit wieder verwaltet. Martin Merz