Von Ulrich Schiller, Christian Tenbrock und Elisabeth Wehrmann

Bis zum 29. April 1992, dem Mittwoch der vergangenen Woche, galt Los Angeles als Modell einer multikulturellen Stadt, als Milchstraße des American dream, eine einzigartige Mischung aus Traum und Wirklichkeit: fünfzehn Millionen Menschen aus Europa und Afrika, Asien und Lateinamerika, neue und alte Amerikaner aus 146 Nationen leben in einer bunten Metropolis, sprechen 96 verschiedene Sprachen und verstehen sich doch (fast) alle auf englisch. Der Bürgermeister ist ein Schwarzer, der Rat der Stadt besteht aus zwei Latinos, drei Schwarzen, einem Asiaten und neun Angloamerikanern, darunter drei Juden. Alle kamen an die Ufer des Pazifischen Ozeans auf der Suche nach einer besseren Welt: Sonne und Reichtum, Sicherheit und Fortschritt, Freiheit und Schönheit hieß die Devise der „goldenen Stadt“.

Adolfo Nodal, der Leiter des städtischen Kulturamtes, stammt aus Kuba. Seit fünf Jahren versucht er, den Bürgern aller ethnischen Gruppen Harmonie und Verständnis füreinander beizubringen: „Die kulturelle Gleichberechtigung herstellen, die die multikulturelle Natur dieser Stadt und die der zukünftigen Gesellschaft fördert“, lautet der Leitsatz seiner Kulturpolitik. Und sie funktioniert, sagt Nodal am Dienstag vergangener Woche, dem Tag vor dem Beginn der Gewaltorgie. „Diese multikulturelle Gesellschaft bereichert uns, sie lehrt uns, die Menschheit besser zu verstehen, sie inspiriert uns... Restaurants, Modemacher, Architekten und Werbefachleute, sie alle lassen sich von der ethnischen Diversität befruchten und bauen Brücken für die multikulturellen Massen.“ Zwar gebe es unter den Angloamerikanern die Angst, Macht und Mehrheiten zu verlieren, aber der Prozeß der Integration der Farbigen sei nicht mehr aufzuhalten: „Es ist ganz einfach nur eine Frage von Zeit, Demographie und richtiger Politik. Der Fortschritt ist wie eine Lokomotive, einfach nicht aufzuhalten.“

1980 waren 48 Prozent der Bürger von Los Angeles weiß, 26 Prozent lateinamerikanischer Herkunft („Hispanics“), 17 Prozent schwarz, 7 Prozent asiatischer und 0,7 Prozent indianischer Herkunft. Zehn Jahre später sind nur noch 37,5 Prozent der Bürger weiß, Tendenz weiter fallend. Nach einer Hochrechnung werden es 1995 nur noch 34,6 Prozent sein. Die Gruppe der Latinos dagegen wächst; nach der letzten Erhebung aus dem Jahr 1990 sind es 35,8 Prozent, 1995 werden die Hispanics mit 38,1 Prozent die Mehrheit bilden. Auch der Anteil der jüngsten Einwanderungsgruppen, der Asiaten, wächst: 1990 sind es 12 Prozent, 1995 werden es 13,7 Prozent sein. Die Afroamerikaner, die 1990 mit 14,5 Prozent noch vor den Asiaten liegen, werden 1995 mit 13,6 Prozent die kleinste der Minderheiten bilden.

Schwarze und Latinos leben im Zentrum der Stadt, südlich und östlich von Bunker Hill, wo die Finanz- und Bankwelt in neuerbauten Hochhausburgen regiert; die Viertel der Asiaten – Chinatown, Klein-Tokio und Koreatown – umschließen die Stahl- und Glaspaläste wie ein Ring. Die Mehrzahl der Weißen residiert weiter außerhalb, westlich in Beverly Hills, Westwood, Pacific Palisades oder Santa Monica. Nach Angaben des statistischen Jahrbuchs der Stadt müssen 1990 schon 26,2 Prozent der Schwarzen und 24,2 Prozent der Latinos mit Einkommen leben, die unterhalb der Armutsgrenze liegen; bei den Asiaten sind es 15,6 Prozent, bei den Weißen 8,5 Prozent. Obwohl der Anteil der Weißen abnimmt, haben sie weiterhin finanziell, politisch und kulturell den größten Einfluß, die Latinos gewinnen durch ihre Anzahl, die Asiaten durch Ehrgeiz, Fleiß und Bildung, und die Schwarzen verlieren an allen Fronten.

Am Nachmittag des 29. April wird in Simi Valley, einer kleinen, hauptsächlich weißen und konservativen Vorstadt, das Urteil im Prozeß gegen die vier weißen Polizisten verkündet, die den arbeitslosen schwarzen Bauarbeiter Rodney King am 3. März 1991 wegen überhöhter Geschwindigkeit nach einer Verfolgungsjagd gestellt und dann halb totgeprügelt hatten. Die Polizei von Los Angeles hat sich in den vierzehn Jahren, die sie unter der Leitung von Daryl F. Gates steht, als brutale und rassistische Truppe einen Namen gemacht. Im Jahre 1990 mußte die Stadt 11,3 Millionen Dollar Schadenersatz wegen Mißbrauchs von Gewalt durch ihre Polizei bezahlen.

Der Fall Rodney King wäre, wie viele vor ihm, gar nicht erst bekanntgeworden, hätte nicht ein junger Mann just in jener Nacht seine neue Videokamera testen wollen. So gingen die 81 Sekunden, die zeigen, wie vier Beamte, umringt von neunzehn weiteren Polizeioffizieren, mit Knüppeln und elektrischen Schlagstöcken auf den unbewaffneten, am Boden liegenden King einprügeln, unzählige Male über alle Fernsehschirme der Nation. Während der weiße Polizeichef Gates versuchte, den „bedauerlichen Zwischenfall“ herunterzuspielen, forderten Bürgerrechtler, liberale Politiker und die schwarze Gemeinde den Rücktritt von Gates, eine genaue Untersuchung und einen fairen Prozeß.