Von Ahmad Taheri

Tausende von roten Leuchtkugeln erhellen die afghanische Nacht. Die Mudschaheddin feiern noch immer den muslimischen Sieg über den Kommunismus. Doch das Volk ist nicht dabei; zwischen neun Uhr abends und fünf Uhr morgens gilt in der Hauptstadt eine strenge Ausgangssperre. Seit dem vergangenen Samstag brennt wieder elektrisches Licht. Die Nächte zuvor war Kabul in Dunkelheit versunken. Die neuen Machthaber mußten ihre Dekrete bei Kerzenlicht schreiben. Jetzt ist Gulchane, das Rosenhaus, festlich beleuchtet: Die Präsidentengarde von 500 Mudschaheddin schützt das riesige Domizil des Regierungschefs.

Das Rosenhaus hat viele Herren gehabt. Drei Monarchen und vier Kommunistenführer haben von hier ihre Befehle erteilt. Keiner von ihnen aber fand in diesem prächtigen Palast ein glückliches Ende. Alle wurden ermordet oder entmachtet. Ob dem neuen Hausherrn, Sibghatullah Mudschadedi, ein besseres Los als seinen Vorgängern beschieden sein wird, ist unsicher.

Doch einstweilen fühlen sich seine Männer hier wohl. Als der 65jährige Theologe sich in die Privatgemächer begibt, schauen seine Leibgardisten fern. Die siegreichen Rebellen hocken zwischen kostbaren chinesischen Vasen und französischen Möbeln auf seidenen Teppichen. „Spuckt eure Neswer nicht auf die Teppiche“, sagt ein älterer Gardist, „jetzt gehören sie uns!“ Einer geht in den Nebenraum und bringt eine Porzellanschale, um die Männer von ihrem feingeriebenen Kautabak zu befreien. Die Gottesstreiter, die jahrelang in den Bergen auf steinigem Boden schliefen, wirken von all der Pracht um sie herum kaum geblendet. Sie bewegen sich so selbstverständlich in den fürstlichen Räumen, als wären sie hier geboren. „Legt euch schlafen“, befiehlt ein wachhabender Mudschaheddin, „Hazrat steht morgen sehr früh auf!“

Hazrat, seine Heiligkeit – so nennen sie den Professor Mudschadedi, der in diesen Tagen ein volles Programm hat. Die meiste Zeit ist er damit beschäftigt, die Huldigungen der reuigen Kommunisten entgegenzunehmen. Seit er eine Generalamnestie verkündet hat, kommen täglich die hohen Funktionäre des gestürzten Präsidenten Nadschibullah, um ihre Sünden auszubreiten und sich zum Islam zu bekennen. Mehrmals hat Mudschadedi in den vergangenen Tagen islamische Großmut und Vergebung gepredigt. „Ginge es nach mir“, sagte er zuletzt, „könnte Nadschibullah unbehelligt das Land verlassen.“ Doch darüber, so Mudschadedi, müsse das Volk entscheiden.

Fragt man „das Volk“ im Basar, sind nur noch wenige Leute für Vergeltung. Die afghanische Blutrache ist ausgeblieben. Hingerichtet wurde bislang niemand aus der kommunistischen Nomenklatura. „Die Vergebung ist ein Gebot des Islam“, sagt ein Mitstreiter des Mudschaheddin-Führers Ahmad Schah Massud.

Doch weniger das islamische Gebot als der ausgeprägte afghanische Pragmatismus schont das Leben der einstigen Feinde. Ohne Mitarbeit der von Nadschibullah vererbten Administration käme in Kabul alles zum Erliegen. Denn die Rebellen haben nichts anderes gelernt, als mit der Kalaschnikow herumzuschießen. Der aus 51 Männern bestehende muslimische Regierungsrat beschloß, die alten Funktionäre sollten mit Ausnahme der Minister auf ihren Posten bleiben. „Erst glaubte ich nicht an diesen Beschluß“, erzählt ein hoher Beamter im Außenministerium, „doch seit ein paar Tagen gehe ich täglich in mein Büro. Die wachhabenden Mudschaheddin salutieren respektvoll.“