Von Helge Sobik

Früher", erzählt der alte Herr mit dem sonnengegerbten Gesicht ganz hinten im Ausflugsboot, "früher war diese Fahrt irgendwie spannender. Da konnte man an mancher Flußbiegung für Sekunden Sperrzäune und Wachtürme sehen, fühlte sich ständig beobachtet und meinte, da und dort Ferngläser der DDR-Grenztruppen aufblitzen zu sehen. Da kam es schon vor", fährt er fort, "daß ich Gänsehaut bekam." Obwohl eigentlich nie wirklich etwas zu befürchten war, da ja die Machtblöcke nicht in der Flußmitte, sondern formal erst am Ostufer aufeinanderprallten ...

Mehr als vierzig Jahre lang, bis zum 3. Oktober 1990, hat das Flüßchen Wakenitz, das den Ratzeburger See mit der Trave in Lübeck verbindet, die innerdeutsche Grenze gebildet. Auch damals schon fuhren Ausflugsboote in knapp zwei Stunden vom Anleger an der Lübecker Moltkebrücke nahe der historischen Altstadt zum Fährhaus Rothenhusen am Ratzeburger See. Die Szenerie hat sich wenig geändert: Rechts – am Westufer – gleiten erst Villen, dann Kleingärten, bald dichte Wälder, Sümpfe, ein paar Ausflugslokale, dann schließlich Äcker vorbei, während das Ostufer von Sumpf und Moor geprägt wird.

Gleich dahinter begann der einstige Todesstreifen mit seinen Sperranlagen. Wenn es einmal Menschen in dieses schwer durchdringliche Sumpfgebiet verschlug, dann waren es gut getarnte Grenzaufklärer der DDR. Nur ihre Ferngläser reflektierten verräterisch das Sonnenlicht.

Bis vor einigen Monaten schimmerten noch gelegentlich die "Halt! – Hier Grenze"-Schilder und die klobigen ostdeutschen Territorialmarkierungen durchs dichte Grün. Was davon per Boot irgendwie erreichbar war, wurde inzwischen demontiert – meist von Sammlern, die ein greifbares Stück Geschichte ergattern wollten.

Weil das Ostufer mit seinem mehrere hundert Meter weit ins Land hineinreichenden Sumpfgürtel jahrzehntelang so unerreichbar fern war und von Menschen kaum betreten wurde, hat sich dort eine einmalige Mangrovenlandschaft herausgebildet. "Der Amazonas", sagen Einheimische deshalb, "beginnt gleich vor den Toren Lübecks und heißt hier Wakenitz." Am östlichen Wakenitzufer also hat sich fern aller Hege und Pflege ein einmaliges Naturschutzgebiet in geradezu tropischer Vielfalt entwickelt. Vom Sturm entwurzelte oder altersschwache Bäume wurden nicht geschlagen und beseitigt, Waldwirtschaft wurde nicht betrieben. Eisvögel und viele seltene Entenarten haben hier ein Zuhause gefunden.

Vom Menschen halten die Tiere hier jahrzehntelang so wenig zu befürchten, daß sie nicht einmal vor den Ausflugsbooten Scheu zeigen, die in der Saison (1. Mai bis 30. September) neunmal täglich die knapp dreizehn Wakenitzkilometer bewältigen. Vergnügt planschen die Vögel nur einen Steinwurf vom Stahlrumpf der verschiedenen Linienschiffchen entfernt im Wasser, starren ungerührt aus schwimmenden Nestern nach oben und lassen allenfalls einen schrillen Protestschrei erklingen, ohne damit aber eine etwaige Flucht ankündigen zu wollen. Im Gegenteil: Regungslos stehen sie Amateurphotographen Modell, die ihre Kameras von Bord aus auf die gefiederten Raritäten richten, auf Haubentaucher und Stockenten, auf Sturmmöven und Zwergrohidommeln.