Von Jutta Duhm-Heitzmann

Frühling in Budapest. Der Himmel ist blau, vor den Weinständen oben in der Budaer Altstadt stehen schon die ersten Frühschoppentrinker, die bunten Majolikadächer auf Kirchen und Ämtern glänzen wie frisch gemalt in der sich noch zögerlich gebenden Sonne. Ein schöner Tag, aber meine Freundin Katalina hat keinen Blick für ihn – sie reitet gerade mal wieder ihr Steckenpferd. „Die Türken“, zischt sie leidenschaftlich und fegt in die Toth Arpad Sétany an der alten Stadtmauer, „die Türken sind unsere schlimmsten Feinde.“

„Ausgerechnet die Türken?“ frage ich, hinter ihr her hechelnd. „Gab’s da nicht auch noch die Österreicher? Und die Deutschen? Und nicht zu vergessen – vielleicht auch die Russen?“ – „Nein, die Türken“, beharrt sie. „Die haben Budapest zerstört. Dem Erdboden gleichgemacht. Alle umgebracht.“

Aber Katalina, das war doch vor 400 Jahren. „Na und? Wenn ich von einem typischen Budapester Haus ein Photo machen sollte, dann von diesem hier.“ Sie läuft über eine Rasenfläche mitten im alten Budaer Burgviertel hin zu den traurigen Resten einer alten gotischen Kirche. Eines der ehemaligen Fenster steht da direkt auf dem Boden, nichts als ein spitzbögiger, ziselierter und halbzerfallener Rahmen aus Stein. Durch diesen Rahmen schaut Katalina mich an, als schaute sie aus dem eigenen Haus. Weiter hinten ragt einsam der dazugehörige Kirchturm. Mehr ist von diesem christlichen Gotteshaus nicht übriggeblieben, nachdem es die Türken zerstört hatten, damals, im Jahre 1541.

Eines der wenigen Relikte einer geschichtlichen Epoche, als Budapest, ungarische Hauptstadt, gerade zu blühen begann, selbständig, eigenwillig, an der bis heute typischen Nahtstelle zwischen den Kulturen Ost und West.

Eigentlich sind es zwei Städte, bestehend aus Buda, dem mittelalterlichen Ort oben auf den kleinen Hügeln über dem Fluß, und Pest auf der anderen Seite der Donau, flach, einem Teil der dort beginnenden, sich weit bis an den Horizont erstreckenden sandigen Pußta. Als die Türken kamen, machten sie beide Stadtteile fast dem Erdboden gleich, ließen kaum etwas zurück außer einer traumatischen geschichtlichen Erfahrung, einer hilflosen Wut – und einer Reihe von wunderschönen, noch heute funktionierenden Bädern.

Sosehr ich mich über Katalinas Türken-Besessenheit amüsiere und wundere – vielleicht hat sie ja recht. Denn später gab es nur noch eine glorreiche Epoche in der Geschichte dieser Stadt: die Gründerjahre nach 1867. Sie sind unvergessen als die Zeit eines rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs, der begann, nachdem sich Ungarn und Österreich als Staatenbund neu arrangiert hatten – zur fast legendären k.u.k. Monarchie. Es wurde die Belle Époque an der Donau, in der Budapest nach Jahrhunderte währender Agonie endlich den Mut fand – und das Geld dazu –, sich ein neues Gesicht zu geben. Eines mit breiten Straßen und pompösen Häusern im Wiener neoklassizistischen Stil, mit einem neuen Parlament, das schöner wurde als Londons Westminster, einer Basilika, die, mit dem Dom in Wien konkurrierend, ebenfalls dem heiligen Stephan geweiht war, und einer Oper, die zwar nicht so groß sein durfte wie die am Wiener Ring, aber dafür perfekter, harmonischer und ausgefeilt bis hin zum letzten goldenen Ornament. Dutzende fashionabler Hotels, eines eleganter und komfortabler als das andere, zogen bald die Hautevolee von ganz Europa an.