ZEIT: Unser Bildungssystem ist in der Krise. Was sind die Symptome?

Nowak: Wir haben zu viele ungeeignete Studenten, das traut sich nur keiner zu sagen. Ich bin fest davon überzeugt, daß der Mythos „Abitur gleich allgemeine Hochschulreife“ nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Das Abitur garantiert heute keinen Leistungsstandard mehr. Fast jeder kann es sich ersitzen – und glaubt, anschließend einen Anspruch auf einen Studienplatz zu haben. Die Massen strömen ungehindert in die Hochschulen. Dort angekommen, sind die Studenten rat- und hilflos. Statt zu studieren, entwickeln sie Mechanismen des Überlebenskampfes. Das System, so wie es heute praktiziert wird, erzeugt eine Elite von Ellenbogensiegern, Studienabbrechern und Taxifahrern.

ZEIT: Wie läßt sich das ändern? Wären Hochschuleingangsprüfungen der geeignete Weg?

Nowak: Nein, ich halte die Hochschulen für unfähig, Aufnahmeprüfungen zu machen. Sie sind damit überfordert. Das ginge allenfalls in den neuen Bundesländern, weil wir hier noch einmal die Chance des Neuanfangs hätten. Ich schlage etwas anderes vor. Künftig gibt es drei verschiedene Arten der Hochschulreife – ein Abitur, das den Zugang für ein Studium der mathematisch-naturwissenschaftlichen und medizinischen Fächer schafft; eines, das den Zugang für ein geisteswissenschaftliches Studium ermöglicht und eines für die wirtschaftlichen und juristischen Fächer.

ZEIT: Worin liegen die Vorteile dieser Dreiteilung?

Nowak: Die angehenden Studenten könnten sich schon in der Schulzeit gezielter auf ihr Studium vorbereiten. Wenn ich mich vorher festlege, schaue ich nicht erst an der Uni, wohin ich gehe und wo noch Plätze frei sind. In Numerus-claususfreie Fächer auszuweichen und dort zu „parken“ wäre keine Lösung mehr. Vielleicht brauchen wir dann immer noch eine ZVS (Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen); die aber könnte die Studienplätze gezielter verteilen. Das Abitur würde wieder ein Leistungsindikator. Ich stelle mir vor, daß es dann nicht nur in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern ein anspruchsvolleres Abitur geben wird; die Leistungsprofile werden auch in den anderen Zweigen stärker ausgeprägt sein.

ZEIT: Das bedeutet ja wohl automatisch die Einführung des Zentralabiturs, oder besser: der Zentralabiture.