In Bayern wird es keine Gesamtschulen mehr geben. Sang- und klanglos hat der Freistaat seinen Schulversuch nach zwanzig Jahren eingestellt. Die Begründung von Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) war lakonisch: Es habe sich gezeigt, daß diese Schulen die Leistungen des gegliederten Schulwesens allenfalls erreichen, sie jedoch nicht übertreffen. Angesichts der stramm rückwärts gewandten bayerischen Schulpolitik kann an dieser Entscheidung allenfalls überraschen, daß sie so spät fällt. Pikant ist sie dennoch. Die bayerischen Gesamtschulen werden realiter zwar weitergeführt. Sie dürfen nur nicht mehr so genannt werden. Die ohnehin dürre Gesamtschullandschaft Bayerns, bestehend aus etlichen kooperativen und zweieinhalb integrierten Gesamtschulen, bleibt als solche unberührt. Nur werden die kooperativen Schulen, die ohnehin nichts weiter sind als Verwaltungseinheiten von Hauptschule, Realschule und Gymnasium, verbatim wieder getrennt und die integrierten, die "richtigen", ab sofort als "Schulen besonderer Art" bezeichnet.

Die Erklärung für solche Um- und Rückbenennung jenseits der Schulwirklichkeit hat nichts mit Pädagogik, wenig mit Planung, aber viel mit Politik und Psychologie zu tun. Seit die Gesamtschule Anfang der siebziger Jahre von den Reformern zum modernen Gegenstück des traditionellen dreigliedrigen Schulwesens proklamiert wurde, gilt sie als "Hätschelkind linker Bildungspolitik" (DIE WELT) – und wurde als Irrweg verteufelt. Freilich war sie in ihren Entstehungszeiten auch mit nahezu unerfüllbaren Erwartungen befrachtet. Frei von Leistungsdruck und sozialer Benachteiligung sollten die Kinder hier "aktiv, kritisch, politisch, sozial kompetent" und "stark, frei, vernünftig, mutig, freundlich und lebenstüchtig" werden, wünschten sich die Pädagogen Hans-G. Rolff und Hartmut von Hentig. Und Ralf Dahrendorf und Hildegard Hamm-Brücher waren damals fest davon überzeugt, daß die Gesamtschule im Jahr 1991 die einzige Schulform sein werde.

Der politisch-ideologische Streit um die Gesamtschule aber reicht weiter zurück. Er erklärt sich aus den Anfängen der Republik. Damals sahen die Alliierten einen engen Zusammenhang zwischen der "Unterwürfigkeit" und dem "Mangel an Selbstbestimmung" der Deutschen einerseits und ihrem hierarchischen Schulsystem andererseits. Eine zur Schulreform eingesetzte Sonderkommission wollte zugleich mit der integrierten Schule nach amerikanischem Muster Chancengleichheit und Demokratisierung einführen.

Gegen solche vermeintlichen "Entnazifizierungsmaßnahmen" aber verwahrten sich die konservativen Schulplaner der Wiederaufbauphase. Sie beriefen sich bei ihren "Reformen" auf einen statischen, erbbedingten Begabungsbegriff, wie ihn etwa der Soziologe Karl Valentin Müller vertrat, nach dessen Überzeugung für die Entwicklung eines Menschen allein das "erbanlagemäßige Rüstzeug" verantwortlich sei; die "Sozialpyramide" der Gesellschaft entspreche der "biologischen Begabungspyramide" – mit anderen Worten: unserer deutschen Schul-Dreifaltigkeit.

Bei dieser Erblast hatte die Gesamtschule bei uns kaum noch eine faire Chance. In den neuen Bundesländern brachte nur Brandenburg den Mut auf, sie einzuführen. Doch auch wenn es in den meisten europäischen und außereuropäischen Ländern nie eine andere Schule gab, auch wenn sie bei uns seit Jahrzehnten in den Waldorfschulen in ihrer konsequenten Form praktiziert wird, auch wenn aus den meisten SPD-Ländern die Gesamtschulen nicht mehr wegzudenken sind: In Bayern sind sie künftig "Schulen besonderer Art", weil in der bayerischen Schulpolitik streng nach Morgenstern "nicht sein kann, was nicht sein darf".

Sabine Etzold