Ein Mann malt. Er malt um sein Leben, seit mehr als 25 Jahren, und mit jedem Pinselzug nähert er sich seinem Ziel um einen Bruchteil. Das Ziel ist das vollendete Werk. Und das vollendete Werk bedeutet hier Ende und Unendlichkeit zugleich, ist Tod und die Entmaterialisierung einer Malerei, die sich einmal – wenn Weiß in Weiß erreicht ist – in Licht auflösen wird. Der Mann zählt. Das ist seine Besessenheit. Das ist seine Möglichkeit, gegen das Chaos anzugehen, ein Programm gegen die "trügerische Jagd nach dem Neuen" zu finden und einen Sinn des Lebens in der Sinnlosigkeit. Sein Vorstoß in Zeit und Raum begann 1965, und er mußte dafür "die Illusion von schönen Bildern zertreten" und die Idee, immer wieder andere, schönere Bilder malen zu wollen. Er begann, malend zu zählen. Seither sind seine Werke nicht nur identisch bezeichnet – "1965, l – oo"; jede Tafel ist auch nur noch ein "Detail" im Fluß der Zahlen und des Lebens.

Millionen hat er schon durchschritten, in stets präzisen Reihungen auf Leinwänden vom stets gleichen Format von 196 mal 135 Zentimetern: Zahlen in handschriftlichem Duktus, von links nach rechts, gleichmäßig über die Fläche verteilt. Weiße Zahlen auf schwarzem, auf dunklem, auf grauem und seit 1970 stetig heller werdendem Bildgrund. Die vom Pinsel aufgenommene Farbe trägt ihn über drei oder vier oder sechs Ziffern. Doch ihre Modulationen – von hellweiß bis schwachweiß – folgen auch dem Rhythmus des Lebens – dem Wechsel von Tages- und Jahreszeiten und Ereignissen außerhalb dieses magischen Kreises.

Der Mann malt, als wäre er allein auf der Welt. Dazu spricht er – in seiner polnischen Muttersprache – melodiös und fremd seine Zahlen auf ein Tonband; dazu dokumentiert er seine manische Beschwörung der eigenen Existenz in all ihrer Vergänglichkeit, indem er sich en face vor jedem mit Zahlen bedeckten "Detail" photographiert.

So registriert Roman Opalka die Zeit. So geht er Schritt für Schritt auf sein Ende zu: "Ich werde mit dem Weiß verschmelzen: das Leben wird sich verzehrt haben." Zahlenreihen, Bilderreihen, Tonbandspulen, Photos und Reise-(Zahlen-) Zeichnungen absorbieren Zeit und fixieren sie zugleich: Der Augenblick darf nicht verweilen, weil er vielleicht so schön oder so schmerzlich wäre; er gleitet dahin, was sich verflüchtigt, gewinnt Struktur.

Zeit verwandelt sich in Schwingungen von sanften Grau- und Weißabstufungen. Ihr sachter Rhythmus überträgt sich auf den Betrachter. Gelassen nimmt man sie in sich auf, diese merkwürdig belebte, intensive Stille, die sich mit der steten Anwesenheit des Künstlers – seiner Schrift, seiner Stimme, seinem Gesicht – nur noch steigen. Die Welt ist ferner mit jedem Atemzug, und die Zeit fließt dahin wie eine unendliche Litanei, die sich in die kühle Erscheinungsform der Konzept-Kunst gekleidet hat.

Wer bislang in Museen und Ausstellungen nur dem einen oder anderen "Detail" Roman Opalkas begegnete, konnte die Arbeiten des heute sechzigjährigen Polen, der in Frankreich lebt, für interessante Darbietungen eines Zahlen-Fetischisten halten: ziemlich hermetisch und immer etwas gestört von der allzu lauten Nachbarschaft anderer Bilder. Als parallele Erscheinungen boten sich Hanne Darbovens Zeit- und Zahlenexperimente an oder On Kawaras Fixierung der eigenen Biographie in einer Existenz aus Zahlen und Daten.

Daran läßt sich nun zweifeln. Er spiele um die Ewigkeit, hat Opalka einmal gesagt. Wer sagt das schon. Kaum jemals war es in all seinem Ernst so direkt zu begreifen wie in der Ausstellung, die Thomas Deecke, Direktor des Neuen Museums Weserburg in Bremen, dem Künstler eingerichtet hat. Die Schau wird abseits des Museumsbetriebs gezeigt, im Forum Langenstraße, sie umfaßt von den rund 150 seit 1965 entstandenen "Details" etwa vierzig, dazu jene Photoreihen und Tonbänder, die das endlich-unendliche Werk nicht als illustrative Beigabe begleiten, sondern notwendiger Teil der Installation sind. Eine Performance entsteht so daraus – ein Auftritt des Künstlers auf seinem Weg bis ans Ende der Malerei.