Ich hatte die Nase voll von allem, was deutsch ist. Ich hätte diesen Boden gerne verlassen“ – so Hans Radziewski, einer der wenigen Juden, der dem Naziterror entkommen konnte und nach dem Krieg in Deutschland blieb. So wie er dachten und fühlten alle, die in diesem Buch zu Worte kommen. Warum sind sie trotz aller leidvollen Erfahrungen geblieben? Wie fühlen sie sich in diesem Land? Welche Empfindungen löst die deutsche Wiedervereinigung bei ihnen aus? Solchen und anderen Fragen spürt Susann Heenen-Wolff, Psychoanalytikerin und Publizistin, in langen, einfühlsam geführten Gesprächen nach. Alle haben sie unsägliches Leid erfahren, fast all ihre Familienangehörigen verloren, sind „am Tode vorbeigeschlendert“ und konnten nur „durch hundert Wunder überleben“. Ihre Alltagserfahrungen, Befindlichkeiten, Verletzungen, Ängste und Hoffnungen stehen im Mittelpunkt dieser achtzehn bewegenden Gesprächsprotokolle – eine Dokumentation, die sehr nachdenklich stimmt.

Heute leben etwa 50 000 Juden in Deutschland, von denen schätzungsweise 30 000 Mitglieder der Jüdischen Gemeinden sind. Die hier befragten Überlebenden des Holocaust hatten fast alle den festen Wunsch und Willen, Deutschland gleich nach Kriegsende zu verlassen. Lange Zeit saßen sie sozusagen auf gepackten Koffern. Doch gesundheitliche oder wirtschaftliche Gründe machten ihre Pläne oft zunichte. Manche wollten zunächst nach überlebenden Verwandten suchen, einige hatten auch ganz einfach Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten. Und so blieben sie in Deutschland hängen, „im Haus des Henkers“. Fast alle fühlen sich deswegen schuldig, schuldig gegenüber den Opfern, halten es für unmoralisch, heute noch hier zu sitzen; den Mut und die Kraft der Juden, die es damals geschafft haben auszuwandern, bewundern sie. Die meisten haben – obgleich inzwischen im öffentlichen Leben integriert und engagiert – nur wenig Berührung mit nichtjüdischen Mitbürgern, leben sehr unter sich. „Heimisch habe ich mich nie gefühlt“, bekennt Rosa Fischer und drückt so das Gefühl der Entwurzelung und Heimatlosigkeit aus, das in den meisten Gesprächen deutlich wird.

Nur wenige Deutsche, so ihre einhellige Erfahrung und Einschätzung, fühlen sich in ihre besondere Situation ein, nehmen Rücksicht auf ihre qualvolle Vergangenheit, die sie nie loslassen wird. Einige der hier befragten Juden suchen bewußt den Dialog und die Auseinandersetzung mit christlichen Mitbürgern. Sie halten Vorträge in Schulen, Universitäten, kirchlichen Institutionen. Aufkeimender Nationalismus, chauvinistische Töne und Ausländerfeindlichkeit wecken böse Erinnerungen und ängstigen sie. „Man muß sehr wachsam sein“, sagt Gitta Guttmann, „daß nicht wieder diese Kräfte an die Macht kommen.“ Ein Fazit, das für uns alle gilt. Gisela Heitkamp

  • Susann Heenen-Wolff:

Im Haus des Henkers

Gespräche in Deutschland; Dvorah Verlag, Frankfurt/M. 1992; 306 S., 34,– DM