Glaubensgewißheiten gehören zum unveräußerlichen Gut eines Menschen. Dennoch geschieht es, daß die weltliche Ordnung mit einem Glaubenssatz in Konflikt gerät – wie jetzt beim Streit um den ehemaligen jüdischen Friedhof im Hamburger Stadtteil Ottensen. Für orthodoxe Juden hat Gott den Verstorbenen die Erde, in der sie begraben wurden, für immer zu Eigentum bestimmt.

Wären die Nazis nicht gewesen, gälte dieses Gebot wohl heute noch in Ottensen. Doch sie haben den Friedhof zu Teilen zerstört. Nach dem Krieg wurde er im Einverständnis mit den Überlebenden der jüdischen Gemeinde Hamburgs verkauft. Jetzt wollen Rechtsnachfolger der damaligen Käufer dort ein Einkaufszentrum bauen.

Orthodoxe Juden aus aller Welt protestieren seit Wochen an der Baustelle. Sie geraten fortwährend in Handgemenge mit Polizisten. Die Bilder sind unerträglich. Für jene, die sich an das Schicksal ihrer jüdischen Mitbürger unter den Deutschen erinnern, bietet der Weg zu den Gerichten keine Lösung. Die Gebeine, die noch unter der Erde liegen, müssen ihre Ruhe von den Nachfahren derer bekommen, die sie ihnen geraubt haben. H.Sch.