Von Wolfgang Hoffmann

Die Werbung der pharmazeutischen Industrie verspricht Ärzten und Patienten das Blaue vom Himmel: Apoplectal retard verheißt die Rückkehr zu geistiger Frische; Normabrain macht fit für neue Abenteuer; dank Cascapide kehrt der Magenfriede wieder ein, und wer sich gar auf Briserin einläßt, bei dem stimmt einfach alles...

Die Erfolge der gut fünf Milliarden Mark teuren Arzneimittelwerbung bleiben denn auch nicht aus. Trotz moderater Preissteigerungen, die das Gesundheitsreformgesetz von 1988 der Branche verordnet hat, sind die Arzneimittelausgaben 1990 um 6,5 Prozent gestiegen; im vergangenen Jahr waren es rund zehn Prozent.

Die teilweise aggressive Arzneimittelwerbung ist eine der wesentlichen Ursachen für derartige Kostensteigerungen, wie eine Expertenkommission der Bundesregierung bereits 1988 am Beispiel ausgewählter Medikamentgruppen feststellte. In dem von der Öffentlichkeit damals fast unbemerkt gebliebenen Gutachten heißt es: "Nach wie vor suggeriert die Werbung der Pharma-Industrie bei Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmitteln optimale Wirkung. Sie verspricht Linderung und Heilung von Beschwerden und Symptomen, auch wenn diese gar nicht Ausdruck einer Krankheit sind. Sie verleitet zu unkritischer Einnahme oder Verschreibung."

Daß diese These unverändert gültig ist, hat Gerd Glaeske, Leiter des Pharmakologischen Beratungsdienstes bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) in Mettmann, an Hand seiner Versicherten-Daten ermittelt. In einer Untersuchung über den "Arzneimittelverbrauch von Menschen im höheren Lebensalter unter besonderer Berücksichtigung von Arzneimitteln mit Abhängigkeitspotential" zitiert Glaeske ein Einzelschicksal, das typisch ist. Die 65jährige Lehrerin Gertrude Krüger bekommt schon seit zehn Jahren von zwei verschiedenen Ärzten Schlafmittel verordnet, darunter auch Rohypnol. Sie nimmt die Pillen oft schon bei Tag, um leere Nachmittage mit Schlaf zu überbrücken. Und der Arzneikonsum zur Nacht ist ihr längst ständige Gewohnheit. Gegenüber Gerd Glaeske bekannte die Patientin freimütig: "Die Tablette ist wie ein Freund. Wie eine Erlösung. Man träumt so wunderschön damit. Ich freue mich jeden Abend darauf. Auf eine Tasse Tee und ein bis zwei Rohypnol. Es ist der schöne Ausklang des Tages. Ich möchte nicht darauf verzichten."

Die schöne neue Nacht mit Rohypnol ist kein Einzelfall aus Mettmann, wie die Arzneimittelstatistik für das Gebiet der alten Bundesländer belegt. Das bekannte Beruhigungsmittel steht ganz oben auf der Tabelle sogenannter Hypnotika und Sedativa. 1990 wurde Rohypnol fast 2,5 Millionen Male verordnet, knapp doppelt so häufig wie das nächstfolgende Präparat dieser Gruppe. Das Mittel für den Ausklang des Tages ist Spitzenreiter unter seinesgleichen. Jahresumsatz: 32,8 Millionen Mark.

Die ärztliche Therapie älterer Menschen mit Beruhigungsmitteln ist weit verbreitet. Rund 1,5 Millionen Rohypnol-Verordnungen entfallen auf die Gruppe der über Sechzigjährigen.