Eine Überraschung, eine erfreuliche, auf dem Gebiet der mit genuin erzählerischen Talenten nicht gerade gesegneten deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Nach zwei Lyrik-Sammlungen ("Liebe Not", 1986; "Seit Tagen kein Wunder", 1990) legt der Leonce-und-Lena-Preisträger Hans-Ulrich Treichel erstmals Prosatexte vor; der Untertitel will sie als "Berichte" verstanden wissen. Verblüffend die Mutation des Autors mit dem Wechsel des literarischen Genres: Ich gestehe, daß ich in dem hochgradig verdichtenden Lyriker, dessen Poesie zu Recht öfter vertont worden ist, kaum einen Erzähler vermutet hätte. Wäre dieser Prosaband sein Debüt gewesen, hätte man ihn durchaus einen "geborenen Erzähler" nennen können.

Es geht um autobiographisch gefärbte Erzähltexte "Von Leib und Seele" (Bericht; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1992; 86 S., 25,– DM). Der Leib kommt dabei freilich bis auf die einleitende Heimkehr zu den gloriosen Wurst- und Schinkenbeständen der ostwestfälischen Geburtsstadt beklagenswert kurz.

Um so eindrucksvoller – und aktueller – die multikulturell "durchrasste" Um-, Aus- und Einsiedlerepopöe, die der Berichterstatter auf westfälischen Hintergründen skizziert. Aus Preußisch-Holland vertriebene Eltern, die trotz ihrer tief zurückreichenden schwäbischen Wurzeln in ihrer neuen westdeutschen Heimatlosigkeit das sind, was der obligat verachtete "Pole" für sie selber einst war, während "der Russe" wenigstens zum imaginären Schreckbild taugte – diese Reprise auf die deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichte erinnert wirksam daran, welche Integrationsaufgaben hierzulande einmal zu bewältigen waren: Westdeutschland, für eine Zeitlang das größte Einwanderungsland der Welt!

Für schulbuchfähige Lehrstücke taugt der Autor im übrigen allerdings nicht. Er konzentriert sich eher auf den literarischen Krankheitsgewinn seiner familiär erfolgreich großgezüchteten Neurosen. Zwei Berichte, keineswegs mehr westfälisch-gutmütig, eher sarkastisch in ihrem Witz, gelten den Therapieschicksalen. Die Psychoanalyse erhält bei Treichel einmal mehr ihr gerüttelt Teil. Psychisch Leidtragende, die während ihrer Therapie so konsequent geschwiegen haben wie der Erzähler, müssen natürlich ihren Beitrag zu der etwas modischen Patienten-Revancheprosa leisten. Aber die Abrechnung fällt hier doch weitaus vergnüglicher, auch satirisch treffsicherer und vor allem weniger wehleidig aus, als man es sonst gewohnt ist.

Noch größeres Vergnügen bieten die – offenbar aus intimer Kenntnis stammenden – Berichte über diverse Akademien zwischen Berlin, Lublin und Salerno. Erstaunlich, wieviele passive Humoristen auf dem Terrain unserer Universitäten anzutreffen sind. Der beträchtliche Witz dieser Texte ist indes allemal gebrochen, oft genug tragikomisch unterhöhlt. Daß aus ihnen letzten Endes eine eher verzweifelte Komik spricht, wird in den abrupten, manchmal mörderischen Schlußwendungen deutlich, die der Berichterstatter ihnen gibt. Alles andere als epische Behaglichkeit ist beabsichtigt. Manchmal wird aber auch nur die wirksam aufgebaute Erwartung des Lesers mit einem willkürlich wirkenden Finale abgebrochen. Hier liegt für mich die Schwäche dieser Texte. Vielleicht erklärt sie sich dadurch, daß autobiographische Berichterstatter naturgemäß nur unschlüssige Schlüsse kennen; vielleicht aber auch dadurch, daß der Autor sich noch keine größeren Erzählformen zugetraut hat. Das sollte er jetzt.

Ludger Lütkehaus