Bei manchen Büchern – und es sind nicht viele – fragt man sich, warum in den anderen – der Mehrheit also – so furchtbar viel passieren muß. Verwicklungen, Verstrickungen, Unheimliches und Übernatürliches – es scheint, als sollten Romane einer Dramaturgie angepaßt werden, die das Leben nur als fesselnde Seifenoper durchgehen läßt. Andererseits wäre es aber irreführend, Wim Hofmans Roman „Das Floß“ in die Nähe jener einschläfernd „naturalistischen“ Bemühungen anzusiedeln, die den Jugendroman mit einer didaktisch aufbereiteten Deutschstunde verwechseln. Es passiert genügend bei Wim Hofman, nur ganz anders als gewohnt.

Der Roman erzählt die Geschichte eines Jungen..., und hier stockt man schon, weiß, daß es so nicht geht. Also noch einmal. Wim Hofman erzählt von rostigen, krummen Nägeln, von einer wackeligen Brille, die dauernd von der Nase rutscht, von traurigen Fischköpfen und platzenden Quallen, von Eisenstangen und dünnen Mädchenarmen, von knallenden Gartentoren und schwarzen Tennisschuhen. Von allem, was einem Jungen einmal so wichtig war, daß es dem nunmehr 53jährigen Wim Hofman nie mehr aus dem Kopf ging. Es sind Seiten, die aus der Erinnerung gerissen wurden – zu kurzen Kapiteln zusammengeheftet –, die für sich stehen und doch eine Geschichte bilden. Den Alltag eines Jungen zwischen seinem fünften und zwölften Lebensjahr, einer Zeit, in der die Dinge menschlich sind und die Personen oft zur Kulisse werden, in der man Bücher so ernst wie das Leben nimmt und sein Leben an einem Traum festmacht.

Natürlich erlebt Jan all das Unvermeidliche eines Jungen seines Alters: den quälenden bösartigen, älteren Bandenführer Luitwieler (ohne Vornamen, versteht sich), das mißmutig registrierte Interesse des Mädchens Pia (ohne Nachnamen), die vergeblichen und um so verbisseneren Erziehungsversuche seiner Mutter. Aber eigentlich sind es die toten und lebenden Requisiten, die wichtig werden: die Sonne, das Meer, der Pappkoffer, die Sandflöhe und am Ende die Glasmurmel, die ihm Pia zum Abschied schenkt. Wim Hofmans Beschreibungen dieser Dinge sind zum Schmecken, zum Fühlen, zum Riechen.

Und genauso, wie man wieder sehen lernt, kann man Jans Gedanken und Träume beim Wachsen beobachten. Von Huckleberry Finn und dem Grafen von Monte Christo aus bewegen sie sich ans Meer und werden dort zu einer Idee, die sich querlegt „wie eine Fleischfaser zwischen den Zähnen, wie ein Loch in Socken, durch das sich immer wieder der Zeh schiebt“. Jan will weg, mit einem Floß, dessen Kentern so vorhersehbar wie notwendig ist. Das Floß lebt als Erinnerung, und wie unter einer Lupe werden die Einzelheiten riesengroß und unvergeßlich.

Man könnte es beinahe übersehen: Die Geschichte ist aus dem Niederländischen übersetzt, spielt im zerbombten Vlissingen, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In einer Trümmerlandschaft, zwischen Betonbunkern am Strand, in verfallenen Kellern und schnell hochgezogenen, häßlichen Neubausiedlungen. Es fällt nicht auf, weil es in diesem Buch so selbstverständlich erscheint wie in anderen die Natur.

Am Anfang findet sich ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers Richard Brautigan: „Zum Glück macht es zwölfjährigen Jungen nichts aus, wenn ihre Tennisschuhe naß werden. Es stört sie kaum.“ Wim Hofman hat darüber eines der schönsten Bücher geschrieben.

Konrad Heidkamp