Von Udo Perina

In der Investmentbranche herrscht Hochstimmung. Immer mehr Sparer wenden sich den Fonds zu. Schon in ein paar Jahren, so ein Verbandssprecher euphorisch, werde jeder deutsche Anleger ein Investmentfondsdepot besitzen. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres floß den Publikumsfonds deutscher Gesellschaften und ihrer Luxemburger Töchter frisches Geld in Höhe von 15,6 Milliarden Mark zu. Das ist mehr als doppelt soviel wie im ersten Quartal des guten Investmentjahres 1991.

Das zunehmende Interesse am Investmentsparen hat mehrere Gründe. Einige Banken haben die Gebühren für den direkten Kauf von börsennotierten Wertpapieren so stark erhöht, daß manchem Kleinanleger nur noch der Umweg über Investmentgesellschaften bleibt. Die Hauptursache für den Boom liegt jedoch in Bonn. Der geplante Abschlag von 25 Prozent auf Zinserträge läßt viele nach Wegen suchen, um der Neuauflage der Quellensteuer zu entgehen. Zwar unterliegen nur solche Sparer der Steuerpflicht, die mehr als 6000 Mark (Verheiratete 12 000 Mark) jährlich an Zinsen kassieren. Dennoch hat bereits eine gewaltige Kapitalflucht nach Luxemburg begonnen, die sich kaum verlangsamen wird, nachdem der Bundesrat den Regierungsentwurf zur Zinsbesteuerung als zu lasch kritisiert hat. Vor allem die Töchter deutscher Investmentgesellschaften im Großherzogtum bieten sich als Zufluchtsstätte an.

Als Bonn vor vier Jahren schon einmal eine Quellensteuer auf Zinsen einführen wollte, sorgte die Flucht nach Luxemburg noch für große Schlagzeilen. Diesmal indes findet der Geldtransfer eher still und heimlich statt. Dabei reicht die Menge der Fluchtgelder durchaus an das Volumen von damals heran. Bereits unmittelbar nachdem das Bundesverfassungsgericht im vergangenen Jahr die bisherige Praxis der Zinsbesteuerung für rechtswidrig erklärt hatte, nahm der Kapitalexport nach Luxemburg spürbar zu. Über elf Milliarden Mark investierten die Deutschen 1991 in ausländische Fonds. Allein zwischen Januar und März 1992 wurden 6,7 Milliarden Mark an Spargeldern in deutsch-luxemburgische Fonds gesteckt.

Unterstützung für Steuersünder

Bei ihrem Versuch, Zinseinnahmen am Finanzamt vorbeizuschleusen, können die Anleger auf die kräftige Unterstützung deutscher Kreditinstitute zählen. An der Spitze steht einmal mehr die Deutsche Bank. Über sie und ihre Investmenttöchter flossen rund vierzig Prozent des im ersten Quartal 1992 von Deutschland nach Luxemburg verlagerten Fondsvermögens. Aber auch die öffentlichen Geldinstitute stehen der Großbank kaum nach. Sie verkaufen sogar mehr Luxemburger Fonds als die ihrer inländischen Investmenttochter Deka. Von den 2,65 Milliarden Mark, die die Sparkassen in den ersten drei Monaten im Fondsgeschäft einnahmen, flossen 2,3 Milliarden direkt nach Luxemburg. Damit sind die öffentlichen Sparkassen, in deren Verwaltungsräten immerhin gewählte Politiker sitzen, zu den wichtigsten Fluchthelfern für Steuersünder geworden.

Ebenso wie vor vier Jahren profitieren aber auch diesmal wieder die inländischen Fondsunternehmen vom Drang in die Investmentanlage. Allerdings kommt das Geld weniger den klassischen Renten- und Aktienfonds zugute als Laufzeitfonds und den offenen Immobilienfonds.