Von Willi Jasper

Wie kaum ein anderes historisches Ereignis spiegelte der Spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 auf begrenztem Raum und in befristeter Zeit die großen politischen, ideologischen und militärischen Konflikte unseres Jahrhunderts. Kein Wunder also, daß eine nicht zu überblickende Zahl zeitgeschichtlicher Publikationen sich thematisch auf dieses nur knapp drei Jahre umfassende Geschehen im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges konzentriert.

So gut wie unbekannt ist demgegenüber die Rolle Spaniens als Refugium für Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland in der Zeit vor und nach dem Bürgerkrieg. In den bisherigen Publikationen der Exilforschung und in autobiographischen Berichten prominenter Emigranten findet Spanien bestenfalls als Transitland Erwähnung, und das nur im negativen Sinn. Die ideologische Nähe des Franco-Regimes zum "Dritten Reich" prägte die einseitig gefärbten Darstellungen in der historischen Literatur. Die Vorstellungen deutscher Emigranten waren in der Regel von Phantasien und Schreckbildern bestimmt. "Man fühlt sich irgendwie in Feindesland", konstatierte der Publizist Maximilian Scheer.

Es war der schlechte Ruf Spaniens, der manche Emigranten zu unbedachten oder übereilten Fehlentscheidungen verleitete. Nicht wenige Flücht-’ linge aus Deutschland verzichteten nach einem ersten gescheiterten Einreiseversuch auf einen Transit und wurden dafür später in Frankreich wieder aufgegriffen und an die Nationalsozialisten ausgeliefert. Meistens wurde dem Franco-Regime eine größere Abhängigkeit vom "Dritten Reich" unterstellt, als sie wirklich existierte. Das bekannteste Beispiel dafür ist das tragische Schicksal Walter Benjamins. Als er mit einer Flüchtlingsgruppe unter Führung von Hans und Lisa Fittko im September 1940 die Pyrenäen überquert hatte, war die spanische Zollstation geschlossen, so daß die Einreiseformalitäten nicht abgewickelt werden konnten. Aus Furcht vor einer Verhaftung und Auslieferung nahm Benjamin sich in Port Bou mit einer Überdosis von Morphiumtabletten das Leben.

Nach Auswertung bisher nicht benutzter Quellen kommt Patrik von zur Mühlen in seiner Studie "Fluchtweg Spanien-Portugal" zu der Auffassung, daß der Freitod Benjamins "eine reine Panikreaktion" war, "die auf einer Fehlinterpretation seiner Lage beruhte". Der Autor verschweigt zwar nicht, daß die Katastrophe des republikanischen Spaniens in vielen Fällen auch das Schicksal deutscher Emigranten besiegelt hat und daß während des Zweiten Weltkrieges auch in Spanien immer wieder jüdische Flüchtlinge verschleppt, verhaftet und interniert wurden, doch er belegt anschaulich, daß die Politik der Franco-Behörden gegenüber Immigranten sich prinzipiell von der des Pétain-Regimes im Vichy-Frankreich unterschied.

Der "lange Arm" der Gestapo reichte selten bis Madrid. Die Zusammenarbeit des NS-Regimes mit Franco-Spanien auf geheimpolizeilicher Ebene beruhte auf einem Abkommen vom 31. Juli 1938, das die gegenseitige Auslieferung "politischer Verbrecher" zum Gegenstand hatte. Es wurde jedoch niemals ratifiziert und blieb bei einer Absichtserklärung ohne bindende Verpflichtung. Die spanischen Behörden gingen pragmatisch vor, indem sie das Abkommen je nach Bedarf erfüllten oder ignorierten. Zu diesem Zeitpunkt war das Netz von Stalins NKWD-Agenten in Spanien dichter als das der Gestapo. Als 1943 die Nazi-Zeitschrift Das Reich Spanien wegen der laschen Überwachung der Grenzen kritisierte und behauptete, daß allein in einem Jahr 40 000 Flüchtlinge ungehindert ins Land gekommen wären, erklärte das spanische Außenministerium gegenüber dem deutschen Presseattaché, daß es Angelegenheit der Deutschen sei, die Grenzen ihres Machtbereiches zu überwachen.

Es existierten allerdings auch Internierungslager mit so eindeutigen Bezeichnungen wie campo de concentración oder depösito de concentración. Das bekannteste war Miranda de Ebro in Nordspanien. Die Lager, die noch aus der Zeit des Bürgerkrieges stammten, wurden ab 1940/41 als Sammellager für illegal eingewanderte Flüchtlinge benutzt. Die Bezeichnung "Konzentrationslager" darf indessen nicht zu falschen Vergleichen mit deutschen Haftlagern oder gar Vernichtungslagern verleiten. Die hygienischen Verhältnisse für die zeitweilig 4000 Insassen von Miranda waren zwar bedrückend, doch es gab keinen Stacheldraht, keine elektrischen Zäune, Wachtürme, Minenfelder und sadistischen Terror. Auch die jüdischen Internierten wurden vom spanischen Wachpersonal in der Regel nicht schlechter behandelt als die übrigen Häftlinge.