Erstaunlicherweise hielt sich der Antisemitismus während des Zweiten Weltkrieges im Land der historischen Inquisition und Judenvertreibung (1492) in Grenzen. Die deutsche Botschaft in Madrid sah sich mehrfach veranlaßt, nach Berlin zu melden, daß in Spanien "deutliche Vorbehalte" gegenüber der nationalsozialistischen Rassenpolitik bestünden. So erteilte die spanische Regierung zum Beispiel allein 1943/44 für 8000 Juden aus Saloniki und Ungarn Pässe und Einreiseerlaubnisse und bewahrte sie so vor der drohenden Deportation. Von 1939 bis 1944 nutzten mindestens 50 000 Emigranten die Transitmöglichkeit Spanien und Portugal, um nach Übersee zu entkommen. Selbst so prominente Hitler-Gegner wie Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann oder das Ehepaar Werfel, deren Flucht über die Pyrenäen das Emergency Rescue Committee organisiert hatte, konnten von der spanischen Grenze aus inbehelligt mit dem Zug bis Barcelona reisen und dann mit einer Lufthansa-Maschine (!) über Madrid nach Lissabon fliegen. Publizistisch weitgehend ignoriert wurde bisher die Tatsache, daß es auch eine zahlenmäßig nicht unbedeutende Gruppe deutsch-jüdischer Emigranten gab, die unter der Franco-Herrschaft in Spanien blieb – sowohl während des Bürgerkrieges als auch nach 1939. Zentren der Emigration in Spanien wann Barcelona und die Balearen. Albert Vigoleis Helen hat der "alternativen" Exil-Szene auf Malloica ein literarisches Denkmal gesetzt.

Auch das von dem Diktator Salazar beherrschte Portugal wurde zu einem wichtigen Ziel für die Hitler-Flüchtlinge. Als kleines Land mit schwachem Staatsgefüge war Portugal durch das Kriegsgeschehen aus einer unbedeutenden Randlage plötzlich in das Zentrum politischer Interessenkonflikte geraten. In dieser schwierigen Situation blieb der Regierung keine andere Möglichkeit, als sich strikt neutral zu verhalten. Die Salazar-Regierung setzte sich energisch und erfolgreich für ihre eigenen Bürger jüdischer Herkunft ein, die sich während des Krieges im deutschen Machtbereich aufhielten. Die portugiesische Presse, allen voran die Lissaboner Zeituig Diário de Notícias, veröffentlichte zahlreiche satirische Artikel über den deutschen "Rassenwahl" und machte sich namentlich über Goebbels lustig. Der Autor hat in portugiesischen Archiven allein für die Zeit vom Februar 1940 bis zum August 1941 mehr als dreißig Verbalnoten, Aide-memoires und andere deutsche Protestschreiben gegen den Nationalsozialismus "verunglimpfende" portugiesische Presseartikel gefunden.

Auch die Aktivitäten des jüdischen Hilfsvereines Commissäo Portuguesa de Assistencia aos Judeus Refugiados wurden stillschweigend von der Lissaboner Regierung gebilligt. Dies war offensichtlich zurückzuführen auf das enge Freundschafts- und Beraterverhältnis, das der Ehrenpräsident des Komitees, Professor Moses B. Amzalak, zu Salazar unterhielt. Und der als Initiator verschiedener internationaler Pazifistenkongresse bekannt gewordene Friedrich Wilhelm Foerster konnte sich während des Krieges mit einem persönlichen Einladungsbrief des portugiesischen Ministerpräsidenten frei zwischen Lissabon und Madrid bewegen.

Für viele Emigranten blieb Lissabon in sentimental-verklärender Erinnerung. Als Heinrich Mann mit dem Dampfer Nea Hellas nach New York aufbrach, symbolisierte die portugiesische Hauptstadt für ihn die "verlorene Geliebte Europa". Mit der Ausweitung des Krieges war Europa für die Emigranten schließlich zu einer zuschnappenden Falle geworden. Die Flucht aus Frankreich über Spanien und Portugal nach Übersee brachte denjenigen, denen sie gelang, die Rettung. Manche fielen zum zweiten Mal in die Hände der Hitler-Schergen. Obwohl Patrik von zur Mühlens Studie erstmals ein differenziertes Bild über die Transit- und Exilbedingungen in Spanien und Portugal entwirft, ist das Fazit des Autors düster. Die "iberische Fluchtroute" stellt sich für ihn als "Weg der verpaßten Chancen" dar.

Auch für die, die sich retten konnten, war der Leidensweg nicht beendet. Zwar wurden die Vereinigten Staaten mit insgesamt 132 000 Einwanderern das wichtigste Emigrationsland, doch scheiterten nicht wenige an den verschärften Einwanderungsgesetzen. Für diejenigen, die sich erst in letzter Stunde zur Flucht nach Übersee entschließen konnten, blieben oft nur noch so exotische Ziele wie Schanghai, Südafrika, Neuseeland oder Australien.

Zwischen 1938 und 1940 suchten etwa 7000 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich in Australien Zuflucht. "Fremde Freiheit" lautet der treffende Titel einer Sammlung von Briefen, in denen deutsch-jüdische Emigranten ungeschminkt über ihre Erfahrungen in jenem damals unwirtlichen Erdteil berichten. Das Australien von 1940 unterschied sich fundamental von dem heutigen, "multikulturell" ausgerichteten Kontinent. Damals wurden fremde Sprachen in der Öffentlichkeit nicht gern gehört, und das feindliche Deutsch war während des Krieges verboten. Fast alle dokumentierten Briefe zeigen, daß für die Emigranten, die während des Krieges nach Australien verschlagen wurden, die jüdische Identität eine neue Anziehungskraft gewann, zum Fluchtpunkt in der Verstörung wurde, die sich aus dem "Kulturschock" der extrem fremden Lebensverhältnisse ergab. Der Mitherausgeber des Bandes, Herbert Liffman, mußte – wie viele Emigranten – seine akademische Karriere abbrechen und "lief 35 Jahre lang eine Melbourner Geschäftsstraße rauf und runter", um die von ihm in Australien eingeführten Lesemappen an Nobelpraxen von Ärzten und Notaren zu verteilen.

Andere waren scheinbar erfolgreicher beim Aufbau einer neuen Existenz. Sie haben in einem Jahr perfekt Englisch gelernt und gleichzeitig ihr Deutsch vergessen. Mit der Sprache legten sie ihre Vergangenheit, die Maßstäbe ihres alten Weltbildes, ihre traumatischen Erinnerungen ab. Doch das Trauma selbst blieb. Die intimen Briefäußerungen, die sich mit der "Unmündigkeit des Exils" im fernen Australien auseinandersetzen, lassen den Leser ahnen, was Hannah Arendt meinte, als sie davon sprach, daß das Problem, eine neue Identität zu finden, fast so schwer sei wie die Erschaffung der Welt.