Von Hans Harald Bräutigam

Bei rund der Hälfte aller Männer in den reiferen Lebensjahren treten gutartige Störungen der Vorsteherdrüse auf. Die Diagnose stellen die meisten Patienten selbst: Auf der Herrentoilette werden ihre Schuhspitzen feucht. Ärzte drücken sich oft auch drastischer bei der Beschreibung der Anfangssymptome der gutartigen Prostatahyperplasie aus, um ihren Patienten den Mechanismus dieser Störung zu erklären: Durch eine Schwellung der normalerweise kastaniengroßen Drüse, die sich zwischen Enddarm und Harnblasenhinterwand verbirgt und die für Erektionen sorgt, kann der Harnfluß erschwert oder sogar ganz blockiert werden. Ein daraus resultierender Harnstau kann lebensgefährlich sein.

Aber glücklicherweise ist nicht in jedem Fall zur Beseitigung der Wucherung ein operativer Eingriff nötig. Oft geht die Schwellung zurück, manchmal, so spotten die Ärzte, genügt schon die Androhung der unangenehmen transurethralen Resektion.

Mit der bösartigen Erkrankung der Vorsteherdrüse, dem Prostatakarzinom, sind nicht immer massive Vergrößerungen der Drüse verbunden. Dann fehlen die frühen, für die Krebsheilung wichtigen ersten Alarmzeichen. Das ist bei dem weitverbreiteten Leiden vor allem deshalb bedauerlich, weil es oft nach dem Auftreten der Symptome für die radikale Prostatektomie schon zu spät ist.

Das Leiden, mittlerweile gehört es zu den häufigsten Krebserkrankungen des Mannes, ist sehr stark altersabhängig. Und die ansteigende Lebenserwartung in den Industriestaaten ist der Hauptgrund, warum immer häufiger Menschen an Krebs erkranken. Bei den Fünfzigjährigen werden jährlich dreißig neue Fälle von Prostatakrebs festgestellt (auf 100 000 Männer). Diese Zahl steigt mit dem achtzigsten Lebensjahr auf 1200 an.

In der Bundesrepublik erkrankten im Jahre 1990 mehr als 16 000 Männer an dieser Geschwulst, im Jahr 2010 sollen es nach den Schätzungen der Experten schon 27 000 sein. Gleichzeitig steigt die Sterblichkeit an Prostatakrebs. Nach den Feststellungen des Münchner Epidemiologen Dieter Hölzel nahm sie in den zehn Jahren von 1979 bis 1989 um über zehn Prozent zu.

Für den Prostatakrebs geradezu typisch ist seine oft sehr unterschiedliche Gefährlichkeit. Es gibt wahrscheinlich eine sehr große Zahl von sogenannten inzidenten Karzinomen, Krebsgeschwülsten, die zufällig gefunden werden und ein Leben lang nie zur Erkrankung geführt haben. Vermutlich wird auch nur jeder fünfte Prostatakrebs überhaupt wahrgenommen. Ob und mit welcher Geschwindigkeit Krebszellen wachsen, wie groß oder klein die sogenannte Tumorverdopplungszeit ist, können Fachleute nur an der Gewebeart abschätzen. Unreife Zellen wachsen schneller als reife. Wenn sie in mehreren Herden gleichzeitig (multifokal) auftreten, sind sie gefährlicher als isolierte Knoten.