Von Wend Kässens

Wer könnte besser Bescheid wissen über das Leben und wie es spielt als die Wand, in deren Schatten es sich ereignet? „In den eigenen vier Wänden“ sagt man und meint damit: abgeschirmt, unverstellt, authentisch. In den sogenannten Handwerkerszenen in Shakespeares „Sommernachtstraum“, wo man Ovids „Metamorphosen“ probt, führt die Wand ein Eigenleben, ihre Rolle übernimmt der Kesselflicker Schnauz. Unüberwindlich steht sie zwischen Pyramus und Thisbe, aber auf besondere Bitte der beiden Liebenden ist sie bereit, „die Spalte zu zeigen“. Schlegels Übersetzung ist da zweideutig genau.

Auf eine ähnlich doppelbödige Wandkonstruktion greift der Psychiater und Schriftsteller Ernst Augustin in seinem neuen, seinem siebten Roman zurück, um uns tausendundeine unglaubliche Geschichte aus dem Indien vom Ende des 1. Jahrtausends zu erzählen. „Ich bin selber ein Stück Wand, und, wenn ich ehrlich sein soll, dann geht mich das alles gar nichts an, es ist nicht mein Leben“, läßt der Erzähler Augustin den Erzähler im Buch sagen und macht damit deutlich, daß offenbar mehrere Erzähler mitbestimmen, was vor und hinter der Wand passiert und was die Spalten in ihr zeigen. Nicht zuletzt ist es der Leser, der den gespurten und ungespurten Wegen folgt oder auch nicht, den Ein-, Aus- und Durchblicken, den An- und Bedeutungen und damit dem Geschehen in seinem Kopf erst zur Abrundung verhilft.

Die Wand, die wie ein Spiegel funktioniert, initiiert die vielfältigen Handlungsstränge, und man sieht sich unwillkürlich auf den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan verwiesen, auf seine gründliche Infragestellung von Wirklichkeit, Originalität und Identität. Denn Augustins Sprachspiele zerstören jeden Versuch des Lesers, sich einer Figur, eines Charakters, einer Zeit oder einer Handlungskontinuität zu vergewissern.

„Das Ereignis ist belegt“, heißt es im Buch, es „ist jedoch sehr unterschiedlich aufgezeichnet worden, und wahr ist am Ende nur die Dichtung“. Ernst Augustins Schlachtengemälde ist bewußt aus zweiter Hand: „... das Ganze befindet sich an der Rückwand der Soliman-Moschee in Delhi – jetzt werde ich doch noch ein Werksgeheimnis verraten – auf einer purpurblau gemalten Tafelfliese frontal dem vorderen Eingang gegenüber, vom rückwärtigen Fenster gut beleuchtet“ – und ist doch ein hochartifizielles Erzählgeflecht, das den Leser auf tausend Fährten lockt und doch zu keiner tieferen Wahrheit vordringen will, es sei denn zur Erkenntnis, daß der Phantasie nichts unmöglich und alles sowieso anders ist, als es erscheint.

Der mörderische Weg des Bastards Mahmud – der gezeugt wurde von dem König Habibullah, dem Fürsten des ausgetrockneten Flußtals von Ghazni, dem Beherrscher der Welt, des Viehs und der Pistazienkerne – von der Geburt bis zur Herrschaft über Indien, zum Tod und zur Heiligsprechung wird in einer dreiteiligen Szenenfolge entfaltet, einem ironisch vielfach gebrochenen Historienschinken mit der Anschaulichkeit eines Monsterfilms. Im ersten Teil bekommt man Einblicke in die Familien- und Lebensverhältnisse im Lager des Fürsten. Wir lernen seine untereinander rivalisierenden Frauen und deren Babys kennen, die diversen Brüste der fürstlichen Ammen und die Löwin, die das Mahmud-Baby, das im Baby-Kampf überlebte und durch die Kanalisation des Lagers in die Welt gespült wurde, über die Runden bringt. Mahmud wächst heran. Als der König, sein Vater, überraschend stirbt, entscheidet Mahmud ebenso überraschend, die Nachfolgefrage auszusetzen und mit vierzig „kräftigen Dorflümmeln“ ins „Halbdunkel Indiens“ auszuziehen.

Im zweiten Teil erfindet der Erzähler Mahmuds Gegenspieler Hanuman, den Königssohn göttlicher Abstammung und Streiter für das Gute. In einer Festung im Dschungel trennt eine unüberwindliche Mauer den Trakt Hanumans von dem der Zwillingsschwester Nahmini und treibt ihn zu abgründigen Phantasien und grotesken Versuchen, sich ein Bild zu machen und ihre bei Gelegenheit erspähten Körperteile zu einem Ganzen zu fügen. Während Mahmud die Schlacht von Jellum schlägt, wachsen sich die Phantasien Hanumans zum Phantasma aus, und was als Rettung gedacht war, zieht alles in den Abgrund: Die vergiftete Torte zur Beseitigung der gierigen Bewacherinnen der Schwester gerät an die Falsche. Mit dem Tod der Prinzessin endet die Hoffnung auf Vereinigung, aber dem symbiotisch auf den Hüftknochen seiner Ziehmutter aufgepflanzten Hanuman tun sich neue Perspektiven auf: Der Tod des Vaters macht ihn, den Sadisten und Infantilen, zum Herrscher.