Von Jörg Albrecht

Vieles konnte man James Watson bislang vorwerfen, nur eines nicht: Daß er einem Streit aus dem Weg gegangen wäre. Im Gegenteil. Die Laufbahn des 64jährigen Nobelpreisträgers war geradezu gepflastert mit markigen Worten, unbedachten Äußerungen, hitzigen Vorwürfen. Ein Dorn im Auge waren ihm vor allem die Wissenschaftsbürokraten. Wer in Washington als Regierungsbeamter für die biologische Forschung zuständig sei, hat er einmal gesagt, sei entweder inkompetent, unwichtig oder eine Frau. Er ließ offen, was er für das schlimmere Übel hielt.

Nun, es war eine Frau, die ihn aushebelte und James Watson von einem Posten boxte, den er sich selbst ausgesucht hatte. Bernardine Healy, Direktorin der US-Forschungsorganisation National Institutes of Health (NIH), verkündete in dürren Worten den Rücktritt des wohl berühmtesten amerikanischen Wissenschaftlers von seinem Amt als Chef des human genome project. Dieses ehrgeizige Programm war vor zwei Jahren ins Leben gerufen worden mit dem Ziel, das menschliche Erbgut Baustein für Baustein zu entschlüsseln. Es wäre, hätte er es zum Erfolg geführt, der krönende Abschluß von Watsons Lebenswerk gewesen.

Seine beispiellose Karriere begann vor 45 Jahren mit einem Abschluß in Zoologie an der Universität von Chicago. Ein Genie vermutete damals niemand in dem vorwitzigen Studenten; Watsons Noten waren mittelmäßig, sein Interesse äußerst sprunghaft. Bis heute hat sich daran wenig geändert. Wer sich auf ein Gespräch mit dem quirligen Wissenschaftler einläßt, muß damit rechnen, daß Watson mitten im Satz die Lust verliert, sich nur noch kehlig räuspert, anderen Dingen zuwendet, aufspringt und den Raum verläßt. Dabei weht dann sein dünner Haarschopf noch wilder als gewöhnlich hinter ihm her.

Erfolgreich hat Watson auf diese Weise das Image des Exzentrikers aufgebaut. Zuweilen sinniert er über seine Autobiographie. "Kalkulierte Launen" schwebte ihm als Titel vor, in letzter Zeit denkt er mehr an "kalkulierter Wahnsinn".

Watsons quecksilberhaftes Wesen war schon vollständig entwickelt, als er sich 1948 zu einem der berühmten Sommerseminare in Cold Spring Harbor anmeldete – damals noch nicht ahnend, daß er dieses landschaftlich wohl am schönsten gelegene Labor der Welt auf Long Island, New York, zwanzig Jahre später einmal leiten sollte. Die beiden Molekularbiologen Max Delbrück und Salvadore Luhia lenkten seine Aufmerksamkeit auf das Molekül der Desoxyribonukleinsäure (DNS), von dem man schon damals wußte, daß es die Grundlage des Erbgutes bildete. Nur kannte zu diesem Zeitpunkt niemand seine Struktur.

Watsons geniale, allerdings, wie er später freimütig einräumte, von keinerlei Fachkenntnis oder Laborerfahrung getrübte Idee war es, ein Modell der DNS in Form einer Doppel-Helix zu entwerfen, was auf zwingend einfache Weise den Mechanismus der Vererbung erklärte. Gemeinsam mit den Co-Entdeckern Francis Crick, Rosalind Franklin und Maurice Wilkins wurde Watson 1962 mit dem Nobelpreis geehrt. Er war der jüngste Forscher, der diese Auszeichnung jemals erhielt.