ZDF, Sonntag, 10. Mai, 21.25 Uhr: „Im Gegenlicht – eine italienische Reise“, Teil drei: Neapel

Nach den halbstündigen Filmen über Sizilien und Kalabrien folgen nun die über Neapel und, am darauffolgenden Sonntag, Rom: „Dokumentation“ nennt sich das Unternehmen bescheiden; es sind beispielhafte Film-Essays. Gero von Boehm hat sie nach Joachim Fests Buch „Im Gegenlicht“ gedreht; der Buchautor selbst gibt den Kommentar.

Die Souveränität dieses Film-Essays ist der Gelassenheit des neapolitanischen Lebens abgeschaut. Die Sprache Fests ist kontemplativ, desengagiert im besten Sinne. Sie läßt das Sosein erblühen, sie hat jene Interesselosigkeit, die Immanuel Kant für die Voraussetzung aller Ästhetik hielt. In Neapel, sagt Fest, denke man unwillkürlich an Katastrophen aller Art, „als ob die Stadt nicht nur am Rande des Abgrunds liege, sondern ihren Schwerpunkt schon darüber hinaus verlagert habe und man nur noch die winzige Sekunde der Verzögerung erlebt, bevor sie in die Tiefe stürzt“.

In diesem Film ist ein grandioser Untergang zu sehen, aus dem das Leben nur so hervorsprudelt. Zu sehen ist, daß die neapolitanische Quicklebendigkeit am Rande des Abgrunds gedeiht: wunderbare Portraits und Straßenszenen, Bilder vom nahen Vesuv, von den Katakomben unter der Stadt, die irgendwann in sich zusammenstürzen werden. Restauratoren, die gegen den Verfall nicht aufkommen und keinen beruflichen Nachwuchs haben. Berichte von schlimmen hygienischen Verhältnissen. Die ruhige Betrachtung einer fremden Lebensart: sich nicht gegen das allgemeine Übel zu stellen, sondern sich darin einzurichten.

Der Film hält den Untergang aus, ohne sich an ihm zu delektieren. Man will nicht schlauer sein als die Neapolitaner, nicht wissen, was sie sein werden oder könnten. Man will verstehen, wie sie sind. Dies ist sehr wohltuend, es ist eine Art, ohne Berührungsangst auf Europa zu sehen, ohne die medienübliche Unterstellung des Maßstabs westdeutscher Verhältnisse.

„Interesselosigkeit“ stimmt also nur insofern, als kein fremdes Interesse zugrunde liegt, etwa das „selbstverständliche“ Interesse an der gründlichen Sanierung dieser großen alten Stadt. Ein Film, der eine Stadt wie diese nicht als Objekt des Denkmalschutzes ansieht, sondern als einen lebendigen Organismus, der schon etliche Jahrhunderte hinter sich hat, der alt geworden und weder zu verpflanzen noch zu reorganisieren ist, dem man – wie alten Menschen auch – neugierig zuschauen und zuhören sollte.

Wie reif hier der Alltag geworden ist, ein enges Geflecht ausgefeilter Kommunikation, die beinahe nur noch Selbstzweck ist: Theater. Fest hütet sich vor allgemeinen Sätzen über die Camorra, über die Innenstruktur der neapolitanischen Gesellschaft. Er schildert, was man auch von außen sehen kann: die Verliebtheit der „zwei Millionen Schauspieler“ in pathetische Anlässe, in Beerdigungen zum Beispiel. Die Neapolitaner, schrieb Hegel, lebten außerhalb der Geschichte in den Tag hinein. Angesichts des gar nicht grandiosen Scheiterns des Hegeischen Historismus im Projekt der kommunistischen Welterneuerung ist diese Stadt eine Lebensschule mit ganz modernen Aspekten. Neapel lehrt den Respekt vorm Präsens.

Martin Ahrends