Seit fünf Jahren passiert in Wien etwas; es heißt „Der einzige Spaß in der Stadt“, der Veranstalter ist der „Sparverein Die Unzertrennlichen“ (oder, neuerdings, „Die Unz Ertrennlichen“), und dieser Sparverein besteht aus Herrn Direktor Kurt Palm. Weil Kurt Palm mit allem, was er anpackt, so erfolgreich ist, daß es ihm langsam fad wird, war der diesjährige fünfte „Spaß“ nicht nur der einzige, sondern auch der letzte Spaß in der Stadt, und weil ich im Gegensatz zu Ihnen dabei war, schreibe ich Ihnen auf, was war und nie wieder sein wird.

Die ersten beiden Abende gehörten – nachdem mein dicker Freund Hermes mich („drahte ankunft abhole flughafen gelobt sei jesus Christus in ewigkeit amen hermes“) nicht am Flughafen abgeholt hatte – dem genialen Kolumnisten Max Goldt. So schöne Kolumnen möchte ich auch mal schreiben können. Aber ansonsten bin ich ganz froh, daß ich ich bin und nicht er, denn seine Groupies sehen sämtlich aus wie Hitlerjunge Flex, während bei meinen Groupies ... äh ... sozusagen noch alles drin ist.

Inzwischen ist auch Hermes dazugestoßen; er war „am Land“, um seinen Vater zu beerdigen, und er ist sehr bedrückt. Seine Mutter verkümmert; ihr geht es jetzt wie der Nato; sie hat ihr Feindbild verloren. „Außerdem waren siebzig Menschen bei dem Leichenschmaus, und es ist allen gelungen, mich zu ignorieren.“ Und das ist, selbst wenn man in Rechnung stellt, daß Hermes ein anerkannt schwarzes Schaf ist, eine Höchstleistung. Er bringt nämlich untrainiert 145 Kilogramm auf die Waage, und wenn er sonst nichts hätte, dann hätte er immer noch eine ungewöhnlich schöne Seele und das, was wir alten Hasen „Bühnenpräsenz“ nennen. In einem Ignorierkurs für Speisewagenkellner könnte man behutsam mit Kurt Waldheim beginnen; den ignorieren kann eh ein jeder. Dann arbeitet man sich langsam nach oben, und wer es nach fünf Jahren schafft, Hermes zu ignorieren, dem gebührt der Titel „Meister-Ignorant“.

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Als kleiner Gruß aus der Heimat Lektüre der BILD-Zeitung. Peter Boenisch fordert den sofortigen Rücktritt von Manfred Stolpe. Das ist sein gutes Recht. Man weiß zwar noch nichts, aber ein bißchen hetzen kann man ja schon mal. Was mich wundert, ist, daß es Sudel-Pepe überhaupt noch gibt. Wenn auch nicht mehr lange. Ich beschließe nämlich, hier und heute ein Kopfgeld auf ihn auszusetzen, und zwar, der Bedeutung dieses Mannes angemessen, in Höhe von 35 Öschis beziehungsweise 5 Mark.

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Es folgen sechs kurze Performances mit Lindy Annis, jenem rätselhaften Mädchen aus Boston, das seinerzeit in Salzburg bei einer zwölfminütigen „Zauberflöte“ die Pamina gab. (Ich gab damals den Sarastro, etwas ungelenk angelegt, aber doch irgendwie opak-luzid mit jenem gewissen quoi?, wie es dem großen Menschendarsteller eignet, das heißt, ich stellte mich an die Rampe und glotzte dumpf ins Publikum, bis ich wieder wegdurfte.)