BERLIN. – "Läutershausen, Lautenheim? Wie heißt das doch gleich?" Amüsiert fahndet Dr. Everhardt Franßen, Präsident des Bundesverwaltungsgerichts, in den Aktenbergen, die vor ihm auf dem Richtertisch liegen. Gesucht wird ein Ort, den bis vor kurzem kaum jemand kannte, und – "ach, da steht es ja" – Lautzkirchen heißt er. Der Name dieser saarländischen 3000-Seelen-Gemeinde wird Jurastudenten fortan durch Prüfungsklausuren begleiten. Kirchen-Oberen könnte er schlaflose Nächte bereiten. Um letztere ging es im übrigen in dem Grundsatzstreit vor dem hohen Bundesgericht.

Vor dem Kadi stand nicht Lautzkirchen, sondern hingen sozusagen die Kirchenglocken des Ortes (siehe ZEIT Nr. 47/91). Zwölf sind es immerhin, und die wollen auch geläutet sein – jede Stunde, jede halbe Stunde, jede Viertelstunde. Erbarmungslos dröhnt das Geläut der Sankt-Mauritius-Kirche in die Schlafzimmer der Lautzkirchener. Tagaus, nachtein geht das so, seit anno 1785. Und nun? Nächtliche Stille – nach 206 Jahren! Die Bundesverwaltungsrichter haben verordnet: Schluß mit dem heiligen Bimbam. Irdische Ruhe wird einkehren in Lautzkirchen und überall, wo Rathaus- und Kirchturmuhren nachts lauter lärmen, als das Gesetz erlaubt.

Dieses Bundesimmissionsschutzgesetz schützt, laut Duden, vor jeglicher "Einwirkung von Verunreinigungen, Lärm o.ä. auf Lebewesen". Die Lebewesen gehörten in diesem Fall zur Familie A., einst wohnhaft im Lautzkirchener "Bohnentälchen", 200 Meter Luftlinie von der Sankt-Mauritius-Kirche entfernt. Was anderen eine liebe Gewohnheit geworden war, raubte Frau A. nachweislich den Schlaf. Das nächtliche Geläut wurde zur Beschwerdesache.

Die Gewerbeaufsicht schritt zur Tat. 72 Dezibel maßen die Beamten für den Stundenschlag, 70 Dezibel waren es alle Viertelstunde – doppelt soviel wie ein Radio auf Zimmerlautstärke und deutlich mehr als der festgelegte Grenzwert. Die Gewerbeaufsicht rückte der Kirche aufs Dach: Entweder das nächtliche Läuten werde leiser, oder die Lautzkirchener Kirchenglocken müßten zur Schlafenszeit gänzlich verstummen.

Doch die katholische Kirche nahm den Bescheid nicht hin. Kirchenglocken seien schließlich "kein Lärm im Sinne des Bundesimmissionsschutzgesetzes", sondern eine "traditionelle Äußerungsform kirchlichen Gemeindelebens", das überdies von der "überwiegenden Mehrheit der Gemeindebewohner toleriert oder sogar als wohltuend empfunden" werde. Der Lautzkirchener Glockenstreit machte Karriere durch die Instanzen: Das saarländische Verwaltungsgericht bestätigte den schalldämpfenden Bescheid, das Oberverwaltungsgericht hob ihn wieder auf. Grundsätzlich, so urteilten die Richter im Sommer 1961, unterliege auch das kirchliche Geläut dem Immissionsschutzgesetz. Doch der Bescheid des Gewerbeaufsichtsamtes setze Gewerbe- und Kirchenlärm zu undifferenziert gleich. Der Stundenschlag einer Kirchturmuhr enthalte immerhin "einen deutlichen Hinweis auf die Präsenz der Kirche und die Zeitlichkeit des menschlichen Seins".

Dieser Hinweis hat nun das Zeitliche gesegnet. Das Berliner Bundesverwaltungsgericht, offenbar an einer höchstrichterlichen Entscheidung in dieser Frage stark interessiert, hat jetzt in ungewöhnlich kurzer Zeit das letzte Wort gesprochen: Angesichts der gewandelten Lebensbedingungen habe das stündliche Glockenläuten als Zeitansage seine Bedeutung verloren. Es handele sich nur noch um eine Tradition, die jedenfalls zur Nachtzeit keine "höheren Duldungspflichten erlaube" als beispielsweise gewerblicher Lärm. 1983 hatten die Bundesrichter dem liturgischen Glockenläuten am hellichten Tag noch einen Schallbonus zugebilligt. Vor dem nächtlichen Gebimmel jedoch soll nun der Nachtschlaf heilig sein.

Wollen Kirchengemeinden also häufig kostspielige Rechtsstreitigkeiten vermeiden, müssen sie jetzt die Lautstärke ihres nächtlichen Geläuts prüfen. Läßt sich der Lärm nicht mindern, muß er aufhören – so wie in Lautzkirchen. Nur wird dort nun mit der nächtlichen Ruhe womöglich auch die große Schlaflosigkeit einkehren. Lautzkirchener Bürger versichern nämlich standhaft: Als vor Jahren das Läutewerk der Kirche einmal abgestellt wurde, hätten sie – weiß der Himmel, warum – nicht einschlafen können. Vera Gaserow