ARD, Donnerstag, 30. April: "Als Erich noch auf dem roten Teppich stand"

Nach dem "Dritten Reich" hätten sich die Deutschen einen Heilschlaf verordnet, sagte Moderator Jürgen Engert. Jetzt, nach dem Untergang der DDR, hätten sie Gelegenheit, es besser zu machen. Er lud mit dem Kollegen Fritz Pleitgen West-Politiker und -publizisten mit Ost-Bürgerrechtlern ins Studio. Hat die Bonner Deutschlandpolitik das SED-Regime gestützt oder unterhöhlt? Der Runde voraus ging eine Dokumentation über die DDR und ihr Streben nach internationaler Anerkennung. Man sah einen leutseligen Honecker mit Kohl, Brandt, Strauß, Vogel, Mischnick und Petra Kelly und sollte sich fragen: Hätte, wer über Macht und Einfluß in der Bundesrepublik verfügte, nicht besser die bedrängte Opposition ermutigt, statt mit Erich anzustoßen und mit Schalck zu kungeln?

Solche Fragen verdammen jede Runde, die sich ihrer annimmt, zum Stammtisch im Sinne kostenlosen Phrasendreschens und fuchtelnder Rechthaberei. Natürlich verteidigte Bahr seine Ostpolitik und verzieh Schäuble der Öffentlichkeit nicht, ihn einst "kalter Krieger" genannt zu haben. Natürlich klagte Bärbel Bohley leise an, Freya Klier ein bißchen lauter, und Ulrich Schacht polterte vom "argumentativen Einverständnis mit der Diktatur". So ein "Was-wäre-gewesen-wenn"-Spiel ist nie zu entscheiden. Bahr konnte ebenso überzeugend darlegen, daß just seine Ostpolitik das SED-Regime sturmreif geschossen habe, wie Bärbel Bohleys tiefe Blicke vom Gegenteil künden mochten. So manch einer, der um null Uhr zwanzig noch nicht abgeschaltet hatte, hielt wohl mitten in der zweiten deutschen Vergangenheitsbewältigung seinen Heilschlaf vorm Gerät.

Das lag aber nicht nur am Stammtischgeruch der Frage. Stammtische können auch was für sich haben, vor allem wenn die Leute ordentlich vom Leder ziehen. Das enttäuschende an der Runde war, daß sie die Kleinlichkeit und Selbstgerechtigkeit eines Stammtisches überreichlich produzierte, es an Temperament und Tiefgang aber fehlen ließ. Erst gegen Ende des Gesprächs fiel der Name Gorbatschow. Die Tatsache, daß beide deutsche Staaten nicht souverän waren und auch ihre Einheit nicht selbst bewerkstelligt haben, wurde kaum berücksichtigt. Das schlagende Argument schließlich gegen Wildfänge wie Ulrich Schacht, der es wohl am liebsten gesehen hätte, wenn die Bundeswehr mit klingendem Spiel durchs Brandenburger Tor marschiert wäre, die Anfrage nämlich, wieviel Tote Herr Schacht als Preis der Einheit vor zehn Jahren oder noch früher in Kauf genommen hätte, blieb aus. Wenn schon Stammtisch, dann richtig!

Seitdem die Privatsender neue Talk-Show-Typen mit viel Schreierei und schnellen, aggressiven Moderatoren erproben, fällt es besonders auf, wie steifleinen und behäbig die öffentlich-rechtlichen Haudegen ihren Gästen vorsitzen. Nicht, daß sie gleich den Heißen Stuhl kopieren sollen, aber ein bißchen wendiger und weltlicher könnten sie schon sein. Sinnige Einleitungen und Zitatenschwere Absagen sind auch nicht immer in, schon gar nicht nach Mitternacht. Im Grunde ist der beste Moderator der Wirt, der sich, weil alle anderen Gäste gegangen sind, an den Stammtisch dazusetzt und mitdrischt.

Barbara Sichtermann