Von Reinhard Baumgart

Ein Mann, Schnurrer mit Namen, läßt ein nacktes, ein noch unbestrichenes Knäckebrot unter dem Licht seiner Küchentischlampe hin und her kippen. Man kann sich vorstellen, was er dabei sieht: wie die Schatten auf der zerklüfteten Oberfläche sich bilden, verändern, vertiefen, auflösen. Aber der Mann namens Schnurrer möchte das alles ein paar Nummern großartiger. Mondkraterlandschaften erblickt er, dann einen kargen Wüstenmittag. Da locken Weltraumabenteuer oder mindestens doch eine Safari. Und in einem neuen Vorstellungs-, Gedankensprung beginnt der Experimentator am abendlichen Küchentisch zu überlegen, wie er nun das eben begonnene, neue Jahr angehen sollte. Mutig, neugierig, strategisch? Oder vielmehr so lustlos, so träge und dösend, wie ihm doch ehrlicherweise zumute ist? Es wird Nacht über dem Knäckebrot, und ratlos schlingt Schnurrer diese Urlandschaft in sich hinein.

Da ist auf nicht einmal zwei Seiten fast nichts und doch bedeutend viel geschehen, und wie es dann weitergeht und warum, nämlich mit einem aus der Zeitung entnommenen Doppelmord, zu dem der knäckebrotmampfende Schnurrer das kuriose, nur ihm einleuchtende Motiv findet – das ist noch gar nicht abzusehen.

Wer oder was aber Schnurrer ist, beginnt schon aus einer solchen Miniszene hervorzudämmern. Ein Mann als Kindskopf, dem alles, schon eine Knäckebrotscheibe zum Abenteuerspielplatz seiner Vorstellungen werden kann. Die Welt ein Bilderbuch, er ihr Ikonograph. Sein Name deutet Katzenbehagen, aber auch Kauzigkeit an. Dauernd verliert er sich in Blicke, in Deutungen, in Phantasien. Man wird ihn, fünfundzwanzig Geschichten lang, kaum eine über vier, fünf Seiten Umfang, kaum je in einem Dialog, geschweige denn handelnd erleben.

Das ist, strikt literarisch gesehen, ein riskantes Unternehmen. Sträubt sich nicht, wenn wir ganz ehrlich sind, irgendein dumpfes Vorurteil in uns ohnehin gegen das Genre der ganz kurzen Prosa, genau wie gegen sehr lange Gedichte? Wird da etwa gegen Gattungsgesetze verstoßen, die wir klammheimlich und kindlich lieber eingehalten sähen? Verpufft nicht das allzu knapp Epische zu schnell in Geistesgegenwart, ins Graziöse? Droht auf so knappem Raum nicht auch eine Verpuppung ins Idyll oder die Selbstzufriedenheit des didaktischen Exempels? Wer ist solchen möglichen Gefahren denn nach Günter Eich und Lettau entgangen und wie? Zum Beispiel Ror Wolf? Oder Botho Strauß?

Man muß schon möglichst die ganze Serie der neuen Sprachstücke Brigitte Kronauers lesen, um wahrzunehmen, daß solche Fragen und Bedenken durchaus legitim sind und daß die Autorin den so beschworenen Gefahren nicht etwa klug und feige ausweicht, sondern sich ihnen mutwillig ausliefert, ja geradezu in die Arme wirft, um sie gerade so, in der Umarmung, zu überwinden. Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um: Das mag politisch noch immer ein riskanter Tip sein, doch poetologisch scheint er zu funktionieren.

Fast nach Rezept. Man nehme ein Wesen wie Schnurrer, das aus nichts weiter zu bestehen scheint als aus biederen Alltagsmomenten, ein Knäckebrotkauer, Lakritzschneckenliebhaber, Supermarktbesucher, Ausflügler, Kaffeetassenumrührer, aber im Lieblingsberuf eben: Voyeur. In seinen Blicken, seinen Wahrnehmungen nistet sich immer schon die Deutung ein, und die versucht sich zu übersetzen in die Sprache.