Von Manuela Reichart

Erinnerungen: an einen Morgen, an dem die Sonne in die Teetasse scheint, an eine Zeit, „in der sich aus dem Gemurmel von mehreren Stimmen manchmal ein Satz heraushebt“, an eine Stadt, die aus Torbögen und Durchgängen zu bestehen scheint, an den „Kalte-Fruchtsuppe-Tag“ und den „Patent-Liegestuhl“. Erinnerungen, die sich aus verstreuten Bildern, aufscheinenden Empfindungen, Bruchstücken einer Handlung, Sinnfetzen und Gedankensplittern zusammensetzen. Erinnerungen, die dem Wichtigen keinen Vorrang vor dem Unwichtigen einräumen, das Wesentliche dem Belanglosen gleichordnen.

Ein Roman in vier Kapiteln und drei Jahreszeiten, der keine kontinuierliche Geschichte erzählt, der seine Figuren nicht einführt, ihnen kein Gesicht, nicht einmal Namen gibt. Der uns gleichwohl einspinnt in seine Atmosphäre, seinen Rhythmus, und uns nachvollziehen läßt, was die Verfasserin andauernd thematisiert: Wir lesen, als erinnerten wir uns einer Geschichte.

Am Anfang steht ein heißer Sommer, die träge Empfindung eines Kindes, das, dösend und überwach zugleich, seine Umgebung wahrnimmt, den Stimmen der Erwachsenen lauscht, den „Metallteil des Bleistifts“ an den Fingern riecht und hinter allen Worten und Bewegungen eine besondere Anspannung spürt. Christina Viragh gelingen faszinierende, überscharfe Momentaufnahmen kindlicher Empfindungen und Handlungen. „Man schaut zu, wie eine Biene oder Wespe zwischen offenem Fensterflügel und Wand im Zickzack hinauf und hinunter fliegt. Kurze Pause. Wieder. Ganz in der Nähe sagt jemand etwas, man schaut nicht hin, die Stimme hat die Farbe des Schreibtisches, über dessen stumpfgewordene Kante man mit der Handfläche fährt. Man stellt sich auf die Zehenspitzen und verlagert das Gewicht auf den längs der Kante liegenden Unterarm. Dem Tonfall nach sagt die Stimme das gleiche wie vorher. Man hebt den Arm, um zu sehen, wie stark der Eindruck von der Kante ist. Der Schreibtisch riecht nach den gelben Blumen, die im Garten dort stehen, wo eine Bodenwelle die Sicht auf das Haus nimmt. Nach Tabak auch. Noch immer die Stimme. Die violetten Striche hat man selbst gezogen, das Papier ist noch naß. Man befeuchtet die Spitze noch einmal, zieht noch einen Strich. Auch das Wespensummen riecht nach den gelben Blumen, der hintere Teil des Schreibtisches ist dunkler, das Geräusch, wenn Büroklammern in einen Porzellanbehälter zurückfallen. Ein weicher und ein harter Ellbogen, unter dem linken das blau-weiße Löschpapier, unter dem rechten das Holz ...“

Erinnerungen an die Kindheit, an eine Welt in der Welt, an den Rhythmus der Schritte, an Papiergeräusche beim Vorlesen eines Briefs, aber auch an Menschen, die plötzlich abreisen, an Dokumente, die verlorengehen, an ausländische Städte, in denen das „Volk im Takt“ schreit. Schließlich ein Bruch der Perspektive: „,In diesem Haus wohne ich‘, was hat man einmal damit gemeint? ... Wie konnte man eintreten und das Gefühl haben, es gebe im Flur und im quer dazu stehenden Zimmer genügend Raum?“ Die Reflexion der Vergangenheit, die Suche nach den verlorengegangenen Bindegliedern in der Erinnerung. Was bleibt, sind die Bruchstücke, sie allein bringen Licht in die Finsternis des Vergessens.

Im ersten Kapitel gleißendes Licht, die Sonne beherrscht die Erzählung. Das Kind durchstreift eine Villa mit Garten, die Sommerfeste sind noch heiter. Danach, im zweiten Kapitel, der Keller, die Düsternis, der Versuch, sich auf engstem Raum zu arrangieren: alptraumhafte Szenen. Auch hier, inmitten des Schreckens, werden keine Geschichten von Anfang bis Ende erzählt, statt dessen wieder, wie mit einem Scheinwerfer angestrahlt, Ausschnitte aus extremen Verhältnissen, dem Überlebenskampf. Das, was bleibt in der Rückschau auf die eigene Biographie, sind im Leid wie im Glück ein paar Sätze, ein paar Bilder, vielleicht noch einige aufgesparte Fragen. „Was es soll, hat er vor Jahren oft gedacht, dann ist ihm auch diese Frage entfallen.“

Christina Viragh schreibt nicht im Proustschen Sinne (auch nicht in dem Julien Greens, den sie übersetzt hat) gegen das Vergessen an, sie scheint vielmehr die Unselbständigkeit und die Verwirrtheit unseres Gedächtnisses zu akzeptieren, lehnt sich nicht dagegen auf, entwirft vielmehr eine Art poetischen, löchrigen Text der Erinnerung. Photographien spielen eine große Rolle, wenn es um alte Zeiten geht. Auf ihnen werden die Verbindungen der Menschen sichtbar, mit ihnen kann es gelingen, Antworten auf die Fragen zu bekommen: Wie war der oder die, wie sah er aus, wie zog sie sich an? Familiengeschichten anhand flüchtiger Aufnahmen, Spurensuche mit Hilfe der Differenz zweier Bilder. Was lag zwischen den Photos? Geschichten gehören zu Tagen, Erinnerungen zu Kleidern und Eigenheiten. Das Extravagante überdauert das Ordentliche.