Roland H. Knauer

Den Regenwald zu erhalten, das liegt vielen Deutschen – und Bundeskanzler Helmut Kohl ganz besonders – am Herzen. Die Allgemeinheit verbindet mit „Regenwald“ meistens nur das Ökosystem im Süden. Fast unbemerkt verschwindet hoch im Norden eine andere Naturlandschaft, die in ihrer Bedeutung für das Weltklima und als genetisch-ökologische Ressource den Regenwäldern Amazoniens, Zentralafrikas und Südostasiens mehr als ebenbürtig ist: der riesige Baumbestand Nordamerikas. Ein Wort über deren Erhaltung hat man aus des Kanzlers Mund bisher jedoch nicht vernommen. Kein Wunder, schließlich holzen dort enge Verbündete Deutschlands die letzten Überbleibsel ihrer eigenen Regenwälder ab. Warum aber sollten arme Länder wie Thailand, Zaire oder Brasilien ihren Urwald schonen, wenn die reichen Staaten Amerika und Kanada mit schlechtem Beispiel vorangehen und die letzten Relikte feuchtgemäßigter Regenwälder dem kurzsichtigen Profitdenken der Holzindustrie opfern?

Mit dem Ökosystem an der nordamerikanischen Pazifikküste verschwindet der effektivste Kohlenstoffspeicher der Erde – ein Schutz vor dem Treibhauseffekt, der den Planeten bedroht. Peter Burschel, Forstwissenschaftler an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, betont die herausragende Bedeutung der feucht-gemäßigten Regenwälder als Reservoir für das Klimagas Kohlendioxyd. Die vom Urwald bewachsenen Flächen seien zwar erheblich kleiner als in den Tropen, dafür wüchsen hier die Bäume aber wesentlich dichter. Bis zu 3500 Tonnen kohlenstoffbindende Biomasse messen Wissenschaftler in einem Hektar Wald an der Pazifikküste Kanadas oder der USA. Die äquatornahen Ökosysteme enthalten im Durchschnitt gerade ein Siebtel dieser Menge. Und sie speichern im Vergleich zu den Nordwäldern nur etwa ein Siebtel des Kohlendioxyds.

In diesem einzigartigen Ökosystem leben Arten, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Zum Beispiel der scheue Fleckenkauz: Bis zu zwölf Quadratkilometer groß ist das Revier jeden Eulenpaars. Allein um die letzten sechs- bis zehntausend Fleckenkauze zu schützen, müßten demnach recht große Areale vor der Axt der Holzfäller geschützt werden. Den Schutz klagen die reichen Staaten des Nordens zwar gern in den Ländern auf der Südhalbkugel ein, wenn etwa das Überleben von Gorillas oder Nashörnern auf dem Spiel steht. Auf dem eigenen Territorium dagegen fallen Entschlüsse viel schwerer.

Seitdem der U.S. Fish and Wildlife Service den Fleckenkauz in die Liste der bedrohten Arten eingereiht hat, tobt ein heftiger Kampf zwischen Naturschützern und der Holzindustrie. „Jobs oder Eulen?“ fragen die rauhen Holzfäller die Wildlife-Aktivisten. Vierzigtausend Arbeitsplätze könnten verlorengehen, klagen die Forstgesellschaften. Dieses Argument wiegt in Rezessionszeiten schwer. Nähme die Regierung das „Gesetz über gefährdete Arten“ ernst, müßte sie allein im Küstenstaat Oregon knapp fünfzigtausend Quadratkilometer Regenwald unter Schutz stellen; das ist immerhin die Fläche Niedersachsens.

Noch ist nicht entschieden – den Holzfällern kann das ziemlich egal sein, denn sie dürften in einigen Jahren ihre Sägen sowieso an den Nagel hängen: Neun Zehntel der einstigen Regenwälder der USA seien schon in die Sägewerke gewandert, berichtete das National Geographie Magazine bereits im September 1990. Und es wird nicht mehr allzu lange dauern, dann hat die Holzindustrie den letzten Ast, auf dem sie sitzt, selber abgesägt.

Selbst wenn die abgeholzten Flächen wieder aufgeforstet werden, erreichen sie nie mehr den ökonomischen Wert der ehemaligen Regenwälder. Ein urtümlicher Regenwald reift in Jahrhunderten und nicht nur in den paar Jahrzehnten, die der Mensch ihm gewähren will. Aus den noch existierenden Urwäldern dagegen holen die Holzfäller gigantische Stämme, deren prächtigste bereits im unbearbeiteten Zustand einen Wert von 50 000 Mark haben.