Die zwölfjährige Ada, Bauerntochter aus der flachen, nebelreichen Region Norddeutschlands, durchschnittliche Schülerin, wohlbehütet und glücklich, wird immer häufiger von Visionen überfallen, von Bildern bevorstehender Katastrophen. Die Familie würde gern darüber hinwegsehen wie über ein peinliches Gebrechen, doch als die „Zustände“, wie man es bezeichnet, Adas Gesundheit untergraben, bringt man die Tochter zum praktischen Arzt. Der hat, rein zufällig, einen alten Studienfreund, besessenen Parapsychologen, der ein Institut im Süddeutschen leitet und das Mädchen mit der phänomenalen Begabung als willkommenes Forschungsobjekt sieht.

Die Autorin widersteht der Versuchung, diese Vorgänge reißerisch aufzubereiten; sie ist, wie schon in ihren früheren Büchern, eine Meisterin des Understatements. Handlung und Stil geben sich betont unaufgeregt. „Behutsam“ wäre das richtige Wort, wäre diese Vokabel mittlerweile nicht zu Tode strapaziert. Also lieber „bedächtig“, „leise“, und da sich das erzählte Geschehen nie über Adas emotionale und visuelle Wahrnehmungsgrenze erhebt, könnte man sie auch als „schlicht“ umschreiben. Denn obwohl Ada fähig ist, Grenzen zu überschreiten, die anderen unüberwindbar bleiben, verharrt ihre „normale“ Phantasie unter dem Niveau ihrer Altersgenossen. Alles, was andere Zwölfjährige sonst auszeichnet: hochfliegende Pläne und ekstatische Schwärmereien, Auflehnung, unklare Träume vom Ausbrechen aus der Alltagswelt, das Sammeln von Postern und Horten von Platten, ist ihr fremd. Sie ist, auf kindliche Weise, vollauf zufrieden mit ihrem Leben auf dem Bauernhof. Es bleibt offen, ob es gerade ihre übernatürlichen Fähigkeiten sind, die sie auf dieser Unschuldsstufe festhalten.

Ada, das steht außer Frage, ist keine Schwester von Stephen Kings „Carrie“; eher ist sie ein coeur simple. Zwar kommt es auch hier zur Feuersbrunst, doch Ada ist daran schuldlos; sie hat es lediglich „gesehen“, immer wieder, und den betroffenen, unsympathischen Mathelehrer pflichtschuldig gewarnt.

Einfacher ist es für Ada mit der Heilenergie umzugehen, die aus ihren Händen strömt, als mit ihren „Bildern“. Und das Vertrauen der Dorfbewohner, die immer öfter mit einem Hexenschuß oder einem vertretenen Fuß zu ihr kommen, tut ihr gut, auch wenn der anschließende Kraftverlust sie schwächt.

Das Buch bietet keinen Ausweg an, weder für Ada noch für den Leser. Ada richtet sich ein, mit ihrer unheimlichen „Gabe“ zu leben.

Und da weder der visionär angekündigte Brand – nicht spektakulär in Szene gesetzt, sondern aus zweiter Hand geschildert – den Höhepunkt bildet, noch die minutiös beschriebenen Tests im Institut Entscheidendes ergeben, bleibt das Buch bedächtig, leise und auf angenehme Weise unaufgeregt. Ein Buch wie die Landschaft, in der es spielt. Karla Schneider

  • Monika Feth: Der Gang durch die Bilder

Illustrationen von Quint Buchholz; Sauerländer Verlag, Aarau/Frankfurt am Main 1992; 187 S., 29,80 DM