Man gibt sich bescheiden. „Was tut ein Schriftsteller denn anderes, als vorgegebenes Material zu sortieren, redigieren & arrangieren?“ fragt der amerikanische Romancier William S. Burroughs. Und die Französin Marguerite Duras schreibt auf den ersten Seiten der Erzählung „Der Liebhaber“: „Heute scheint Schreiben recht oft nichts mehr zu sein. Manchmal weiß ich: wenn das Schreiben nicht, alle Dinge vereinend, ein flüchtiges Sprechen in den Wind ist, so ist es nichts.“

Das klingt nicht gerade nach Heldenliedern. Und wo sollen sie auch herkommen, die Helden für die Romane und Dramen? Schauen wir uns um in Politik und Wirtschaft: wackere Verwalter und Umverteiler des Bestehenden – aber Helden? Auch Kriege bringen keinen Spaß mehr. Ohnehin weiß niemand, worum es eigentlich geht außer einem kleinen Terraingewinn für den eigenen Stamm. Einer wie Tasso müßte angesichts der Weltläufte verzweifeln. Kein Fürstenhof mehr, an dem er verzückt ausrufen könnte: „So bindet der Magnet durch seine Kraft / Das Eisen mit dem Eisen fest zusammen, / Wie gleiches Streben Held und Dichter bindet.“

Nein, Helden und Poeten bindet nichts mehr. Oder doch? Der Dichter nämlich, der sich in diesem Jahrhundert so verzagt gibt – er selbst ist der heimliche Held dieser Jahre. Man muß nur ins Kino gehen, dorthin also, wo wir immer noch, wenn schon die Bücher und das Leben ihn uns vorenthalten, den starken Kerl erwarten.

Und wirklich: Wer rückt da neben dem Cowboy aus der Zigarettenreklame, neben dem Terminator und dem Hund namens Beethoven ins Bild? Der Außenseiter. Der Träumer. Der Zartbesaitete. Nicht nur des Dichters Bücher werden verfilmt, nein, der Schreibende selbst ist der Held. Da sieht man ihn, bevor der Film noch recht begonnen hat, die Feder über das Papier führen, da sieht man die Dichterin Duras an ihrem Schreibtisch, da wird Burroughs Teil seines „Naked Lunch“. In Bertoluccis Romanverfilmung „Himmel über der Wüste“ ist der Dichter sogar leibhaftig dabei: Der alte Paul Bowles sitzt in der Ecke eines Cafés, um am Ende die letzten Worte seines Romans zu sprechen.

Ob Tania Blixen („Jenseits von Afrika“) oder Charles Bukowski („Barfly“), ob ein unbekannter Dramatiker, den es nach Hollywood zieht („Barton Fink“), oder eine in der Kindheit gequälte Lyrikerin („Herr der Gezeiten“): Die Dichter sind die letzten Helden der Leinwand.

Und nicht nur das. Sie sind auch Gegenstand umfangreicher Erzählungen, nämlich großer Biographien. Nicht allein die Politiker, Wirtschaftsbosse und Erfinder, sondern auch jene, die ihre Tage am Schreibtisch zubringen, sind die Helden gewichtiger Wälzer.

Die Prosastücke von Beckett neigten sich immer mehr dem Schweigen zu, doch die Biographin Deirdre Bair brachte es auf gut 890 Seiten über das Leben des Dichters. Donald A. Prater über Rilke: 745 Seiten. Richard Ellmann über Joyce und Oscar Wilde: 780 und 870 Seiten. George D. Painter über Proust: 1210 Seiten. Peter de Mendelssohn starb über der Arbeit an seiner Thomas-Mann-Biographie; nur der erste Teil (1180 Seiten) erschien zu seinen Lebzeiten, gerade eben wurden aus dem Nachlaß noch zwei abgeschlossene Kapitel ediert. Als Motto für den geplanten zweiten Band hatte der Biograph das Mann-Wort aus einem Brief vorgesehen: „Nochmals, ich bitte Sie um Geduld. Der Mensch kann sich nie als Ganzes zeigen. Nur Stückwerk wird jeweils sichtbar. Aber allmählich enthüllt sich doch das Ganze und die Zeit wird lehren, daß ich nie aufgehört habe, mir selber treu zu sein.“

Das mag es sein, was uns am Leben der Dichter fasziniert: Ihre Verzagtheit einerseits, die uns Zutrauen gibt, und ihr Kinderglaube an einen Zusammenhang des Lebens andrerseits, der uns Hoffnung macht – Hoffnung darauf, daß auch wir mehr als Material sind, das irgend jemand bloß sortiert und arrangiert. Volker Hage