Von Eberhard Falcke

Im Jahr 1947 wurde in München ein erschütterndes Buch geschrieben. Darin schilderte ein vormals in dieser Stadt ansässiger jüdischer Briefmarkenhändler die schreckliche Leidensgeschichte seiner Verfolgung durch die Funktionäre der Endlösung. Ein kleiner Verlag, gerade erst gegründet, brachte das Buch im Jahr darauf heraus. „Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ lautete der Titel, und als Verfasser wurde ebendieser Briefmarkenhändler genannt, der Jakob Littner hieß und inzwischen nach New York ausgewandert war.

Es war die Zeit der Nürnberger „Nachfolgeprozesse“, in denen nach den Führerfiguren des Dritten Reiches nun Dutzende von Vertretern der Funktionseliten auf der Anklagebank saßen. Aber im Schatten der prominenten Täter versteckten sich zahllose andere mitsamt ihren Untaten, wobei ihnen eine Sprachregelung hilfreich war, die sich sofort größter Beliebtheit erfreute. Sie besagte, daß das deutsche Volk von seinen Nazi-Diktatoren vergewaltigt worden sei und daß jeder, der zum Unmenschen geworden war, lediglich die Anordnungen von oben – und das mit Widerwillen – befolgt habe.

Jakob Littners „Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ wußten allerdings vom Widerwillen der staatlich bestallten Verbrecher gegen ihre Verbrechen wenig zu berichten. Ohne daß das besonders hervorgehoben wurde, konnte man aus den Schilderungen des Massenmordes eher auf ungeheuren Eifer und Perfektionsdrang schließen und auf eine perverse und hundsgemeine Lust daran, andere zu erniedrigen und zu zerstören. Für dieses deutsche Tabu lieferte die „Vergangenheitsbewältigung“ sprachliche Versteckformeln, indem sie die Ausrottungsfeldzüge in den Allerweltsbegriffen „Schicksal“ und „Weltuntergang“ zum Verschwinden brachte.

Auch die spärlichen Reaktionen auf Jakob Littners Aufzeichnungen, die man heute in Zeitungsarchiven noch finden kann, bedienten sich dieser Formeln. In der Münchner Neuen Zeitung bemerkte der Rezensent: „Ein einfacher, schlichter Tatsachenbericht aus dem Inferno, fast rührend verwundert, daß es so etwas gibt, bar des Hasses, zuweilen durch ein fast dichterisches Bild ergreifend, das das Leid dem unliterarischen Schreiber eingegeben hat.“

Haßverzicht auf Seiten der Opfer wurde in Deutschland mit großem Lob quittiert, denn eine andere Bewältigungsvokabel hieß „Geist der Versöhnung“. Die Berichte der Geschundenen las man wie Botschaften aus einer fremden schrecklichen Welt, von der nie jemand gewußt hatte, in der kein Täter je gewesen sein wollte.

Außerdem ereignete sich etwas Merkwürdiges. Jakob Littner schrieb aus New York einen Brief, in dem er verärgert feststellte, daß er in dem unter seinem Namen veröffentlichten Erfahrungsbericht seine Geschichte keineswegs wiedererkennen könne. Das allerdings blieb bis vor kurzem das Geheimnis des Verlegers Herbert Kluger und eines anderen – des Autors nämlich, der das Buch tatsächlich geschrieben hatte. Er heißt Wolfgang Koeppen und war damals ein unbekannter, hungernder Schriftsteller, der gerne den Auftrag annahm, die schlimmen Erlebnisse Jakob Littners nachzuerzählen. Die Honorierung übernahm die Hauptfigur des Buches: Littner versprach, zwei Carepakete pro Monat aus New York nach München zu schicken. Nun ist das Buch im Jüdischen Verlag, der im Hause Suhrkamp wieder mit Engagement aufgebaut werden soll, zum ersten Mal unter dem Namen des wirklichen Autors erschienen.