Die Poetik der Kindheit besitzt kein Alter, weder beim Autor noch beim Leser. Was zählt, ist allein die Fähigkeit, die Welt durch Sprache sehen zu lernen oder sie zu verschlüsseln, in Bildern, die oft dunkel bleiben und sich bei Kindern gerade dadurch um so eindringlicher festsetzen.

Die Weltliteratur der Moderne bietet dafür mehr Beispiele, als akademische Kolloquien der „großen Literatur“ und eine hochspezialisierte Kinderkultur vermuten lassen. Seit einem Jahr veröffentlicht nun Uwe-Michael Gutzschhahn im Otto Maier Verlag eine preiswerte, sorgfältig gestaltete Taschenbuch-Reihe, die Dichtung für Kinder nicht in der Kinderliteratur, sondern in der Literatur der Kindheit sucht und findet.

Gleich der erste Band der „RTB-Bibliothek“, die „Marcovaldo“-Geschichten des großen Italo Calvino, überzeugen von Gutzschhahns Konzept. Die rührende Glückssuche des armen, kinderreichen Handlangers in einer großen italienischen Stadt läßt in jeder Episode die Welt neu entstehen. Die Welt als Wunsch und verwirrende Erfahrung, aus der Phantasie des Hungrigen geboren

Erfreulich, daß Gutzschhahn die jiddischen Kindergeschichten Isaac B. Singers ebenso wieder anbietet wie die Onkel- und Tantenepisoden aus den autobiographischen Romanen Lars Gustaffsons, in denen er seine Kindheitserinnerungen aufleben läßt.

Der kindlichen Vorliebe für Urzeiten, Anfänge und Geheimnisse tragen die zehn Geschichten des Engländers Ted Hughes Rechnung. „Der Rüssel“ bietet skurrile, unheimliche, faszinierende Variationen der Weltentstehung. Sie erscheinen als deutsche Originalausgabe.

Mit diesen vier Büchern beweist Gutzschhahn, daß in unserem nach Lesealter segmentierten, unüberschaubar gewordenen Literatur-Karussell der Neuerscheinungen das Auswählen, Aufarbeiten, Wiederentdecken und Bewahren poetischer Texte eine immer größere Bedeutung erhält. Für die Kinder ebenso wie für Erwachsene, deren Wunsch nach mundgerechter, altersverträglicher Lesenahrung nur allzuoft die Phantasie auf kabrienbewußte, geistige Frühjahrsdiät beschränkt.

Mit dem neuesten Band der Reihe, Christoph Meckels „Gwili und Punk“, fordert Gutzschhahn auf andere Weise heraus. Meckels Text, 1960 erschienen und lange vergriffen, erzählt von dem Vagabunden Punk, der sich an das perfide-gefräßige, im Koffer verborgene Ungeheuer Gwili verliert.