Was die Lieblosigkeit so beliebt macht, ist ihr aufgeklärtes Wesen, ihre forsche Eleganz. Daß sie der Liebe überlegen ist, weiß man bereits in Hollywood: Gleich zwei Filme wurden nach demselben Briefroman über die „Gefährlichen Liebschaften“ de Laclos’ gedreht. Heiner Müller hat sich auf dem Theater mit diesem Duell versucht; die redegewandte Verzweiflung schäkert mit dem Zynismus, gemeinsam verführen sie dann den Voyeur im Zuschauerraum. Eine neue Variante zum Thema erfindet die Österreicherin Ingrid Puganigg in ihrem Prosaband „Hochzeit Ein Fall“. In den Wortgefechten der zwei Liebesleute hat sie den rhetorischen Schliff derart ruiniert, daß der schlichte Leser keine Freude mehr daran haben kann. Was dabei übrigbleibt, ist für die ganz Raffinierten: der Kitzel des Aneinander-Vorbeiredens und die Wollust der Sprachverstümmelung.

Es handelt sich um einen Briefroman im Zeitalter der elektronischen Spätaufklärung, mit Tonbandbotschaften von Madame an Monsieur und (später) vom Gatten an die Ehefrau. Die Küche und das Klo kommen nicht vor, aber es gibt Einbrüche in die Computerdatei. Die Sprache ist so verknappt, als habe die Autorin Angst vor Platzverschwendung im Datenspeicher; manchmal ist sie sogar witzig wie die Befehle von Schreibsystemen: „Return to escape!“

Der Mathematiklehrer Rudolph hat die Fußpflegerin Sonja in einem Flugzeug kennengelernt; später werden sie zufällig Wohnungsnachbarn. Er vergewaltigt die Frau und sucht sie dann mit einem Zeitungsinserat. Als sie einander treffen, sind sie verlegen. „Ein Gespräch kommt nicht zustande“, aber sie heiraten bald. Vor der Hochzeit übergibt Sonja dem Mann ein Schreiben, das ihn ermächtigt, über ihren Körper zu verfügen, nicht nur nach sexuellem Belieben. Sie will von ihm getötet werden.

Die beiden schicken einander Tonbandkassetten, auf denen ihr Bündnis dokumentiert ist, von der Vergewaltigung bis zum Todestag. „Madame! Lassen Sie uns lieben, wie man foltert“, sagt er zu Beginn. „Monsieur! Es ist alles gewesen. Seien Sie meiner Liebe versichert. Zu Dankbarkeit bin ich unfähig“, spricht sie zum Schluß aufs Band. Am selben Tag erwürgt er sie.

Das Verbrechen und die Liebe gehorchen gewöhnlich auch in den Romanen einer Logik – und sei sie noch so literarisch kompliziert. Ingrid Puganigg schreibt schon lange keine solchen Bücher mehr. In ihrem ersten Roman „Fasnacht“ (1981) war das Unglück noch logisch faßbar, in der Psyche einer körperlich verunstalteten Frau und in ihrem Zusammenleben mit einem zwergwüchsigen Mann. Danach verschrieb sich die Autorin der Unbeschreibbarkeit. Die Wonnen des Schweigens vereinten sich mit der Lust an der Kryptik – unter dem Titel „Laila“, einer Sammlung von Briefchen, die oft nicht länger als eine Zeile oder als ein konfuser Gedanke sind. „Eines Tages bricht dir mein Glaube an dich das Genick.“

Die Tonbandbriefe in ihrem neuen Buch „Hochzeit Ein Fall“ sind wieder etwas gesprächiger; um Verständigung kümmern sie sich aber nicht. Die Sprache hat ihre Grenzen; Sprachverkürzung auch. Aus lauter Angst vor den großen Gesten reduziert Ingrid Puganigg ihren Text auf ein Skelett voller Geheimnisse. Sie will über die Liebe sprechen, ohne von Psychologie zu schwätzen. Aber vor lauter Vorsichtigkeit und Skepsis vergißt sie, vom Leben zu reden. Der Minimalismus (der in ihrem ersten Roman die Kümmernisse einer Menschenseele in Großaufnahme gezeigt hat) führt hier zu einem überblendeten, verschwommenen Bild. Das Mißtrauen gegen die Verlogenheit, der „Ekel vor dem Geschriebenen“ bringen die Schriftstellerin in diese Notlage – beinahe wie Josefine, die Sängerin, die nicht singt.

Rudolph und Sonja treiben ihre Wortspiele mit dem Tonbandgerät. Der Lehrer liebt die Pediküre, weil er nichts Liebenswertes an ihr findet, sagt er. „Monsieur, ich lasse Ihre Sprache nicht an mich heran“, sagt sie. Lieblos vollführt das Paar kleine Prosamanöver. Für den Betrachter gibt es nur selten eine poetische Belohnung: „Der Bodensee ist im Oktober fast weiß. Die Schwäne haben den Kopf unter den Flügel geschoben und sehen aus wie kleine Wannen.“