Von Wilhelm von Sternburg

Am Anfang des Aufstiegs Preußens zu einer der gewichtigen Mächte Europas stand Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst genannt. Der letzte Herrscher des Hauses Hohenzollern floh im Morgengrauen des 10. November 1918 über die Grenze nach Holland. Am Ende Preußens stand 1947 ein Gesetz des Alliierten Kontrollrates, das diesen Staat mit einem Federstrich aus der Geschichte verbannte.

Wirklich bedeutend unter den Kurfürsten, Königen und schließlich Kaisern dieses Herrschergeschlechts aber waren nur zwei: der Große Kurfürst, der Brandenburg zu einer erstrangigen Militärmacht entwickelte und damit das entscheidende Fundament für Preußens künftigen Weg legte, und Friedrich II., dessen erfolgreiche, landräuberische Feldzüge seinen Staat gleichberechtigt an die Seite der europäischen Großmächte stellten. Dem zynischen Aufklärer und kühlen Machtpolitiker Friedrich folgte auf dem preußischen Königsthron nur noch Mittelmaß. Nicht die drei Friedrich Wilhelms, die zwischen 1786 und 1857 mit dem Anspruch des monarchistischen Absolutismus den Staat regierten, prägten das politischmilitärische Geschick Preußens, sondern Männer wie Stein, Beyme, Hardenberg und Wittgenstein oder Gneisenau, Scharnhorst und Blücher. Später dann waren es Bismarck und Moltke und nicht Wilhelm I., die den deutschen Nationalstaat in Europas Mitte mit "Blut und Eisen" zusammenschweißten, und in der Schlußphase des Ersten Weltkriegs zogen Ludendorff und Hindenburg auch die politischen Fäden; Wilhelm II. war längst zum Schattenkaiser herabgesunken.

Begrenzte Herrscherqualitäten sprechen die Hohenzollern jedoch nicht von historischer Verantwortung frei. In Preußen lag die letzte Entscheidung beim Monarchen; er berief die führenden Männer des Staates, seine Unterschrift entschied nicht nur über Krieg und Frieden, sondern auch über die staatsrechtliche Verfassung, die das öffentliche – weitgehend auch private – Leben seiner Untertanen bestimmte. Während im Westen Europas das 19. Jahrhundert durch den Aufstieg der liberalen Bewegung gekennzeichnet war, die dortigen Monarchien sich vom absoluten Herrscheranspruch lösten, blieb Preußen ein konservativer Staat. Allen Hohenzollern in der Epoche zwischen der Französischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg war eines gemeinsam: die tiefe Angst vor gesellschaftlichen Veränderungen. Ob Friedrich Wilhelm III. oder sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm IV., ob Wilhelm I. oder sein Enkel, Wilhelm II., sie stellten sich, war ihre Entscheidung gefordert, stets auf die Seite der politischen Reaktion. Ihr zentrales Anliegen blieb der Kampf gegen die neuen demokratischen Reformbewegungen des 19. Jahrhunderts, den Liberalismus und den Sozialismus. Wie immer im einzelnen Charakter und Persönlichkeit der vier letzten Hohenzollern (Friedrich III. blieben nur neunzig Kaisertage) zu bewerten sein mögen, ihre historische "Schuld" manifestiert sich in der Unfähigkeit, die dramatischen gesellschaftspolitischen Entwicklungen ihrer Zeit zu akzeptieren, sie zielgerichtet in die notwendigen Bahnen einer konstitutionellen Monarchie einmünden zu lassen. Dieses Versagen machte Triumph und Untergang Preußens aus. Am Ende ruinierte es Europa.

Der erste Akt dieses Dramas ist in zwei neuen Biographien nachzulesen, die das Preußen in den Jahrzehnten nach der Französischen Revolution und vor Bismarcks überragendem Einfluß auf die preußisch-deutsche Politik thematisieren. Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV., denen die beiden Darstellungen gewidmet sind, haben ihr Zeitalter nicht geprägt. Gegenüber Napoleon, Metternich, Castlereagh oder Schwarzenberg blieben sie blasse Mitgestalter der europäischen Politik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als Monarchen agierten sie nicht, sondern reagierten lediglich, Abwehr wurde zum Prinzip ihrer Politik erhoben. Militaristen waren sie beide, aber der Entscheidung zum Krieg wichen sie aus, solange es ihnen möglich war. Keine Intellektuellen, keine bedeutenden aristokratischen Mäzene der Künste saßen in diesen Jahrzehnten auf dem Hohenzollern-Thron, sondern entscheidungsschwache Herrscher, die das hohe Amt wohl doch überforderte. Sie erlagen über das zu akzeptierende Maß hinaus den Einflüssen subalterner Hofbeamter. Der Schatten des Großen Friedrich lag über beider Leben, ebenso die dämonische Ausstrahlung des Korsen auf dem französischen Kaiserthron, der Friedrich Wilhelm III. in Tilsit tief demütigte. Erweckungsbewegungen und Pietismus gewannen auf beide Könige großen Einfluß, prägten ihre Gefühlswelt, bestärkten nicht selten bigotte und intolerante Charakterzüge. Vor allem aber: Die Angst vor "Unordnung", vor Revolution und Demokratie, löste bei beiden Monarchen Panik und Abwehrreaktionen aus, deren pathologische Dimension nicht zu übersehen war.

Thomas Stamm-Kuhlmann und Dirk Blasius haben keine Heldenbiographien vorgelegt, und von preußischer Verklärung ist in diesen Darstellungen nichts zu spüren. Der skeptische Leser wird dies angesichts der neudeutschen Nationalsinngebung unserer Tage dankbar registrieren. Nüchtern und distanziert betrachten und deuten zwei jüngere deutsche Historiker Leben und Werk dieser Hohenzollern und Preußens Weg in die heraufdämmernde Moderne. Nicht pathetische Geschichtsschreibung, sondern präzise Auswertung der Dokumente (vor allem auch der Korrespondenzen beider Herrscher) zeichnen ihre Werke aus. Schon die gewählten Untertitel – "Der Melancholiker auf dem Thron" (Stamm-Kuhlmann) und "Psychopathologie und Geschichte" (Blasius) – weisen auf den geschichtswissenschaftlichen Standort beider Autoren hin: die Psychohistorie. Blasius spricht diese neue, vorwiegend in Amerika entwickelte Richtung der Geschichtsschreibung ausdrücklich an, Stamm-Kuhlmann kommt ihr in seiner Charakterisierung Friedrich Wilhelms III. sehr nah.

Stamm-Kuhlmanns Biographie ist nicht von ungefähr die erste umfangreiche Darstellung des Lebens Friedrich Wilhelms III. Das Bild dieses Königs in der Geschichtsschreibung blieb blaß, und nach der Lektüre von Stamm-Kuhlmanns Buch weiß der Leser auch, warum. Das Fazit des Biographen ist lapidar und niederschmetternd: "Friedrich Wilhelm war ein Konservativer, nichts weiter. Das zeigt sein Festhalten an der Ordnung, in der jeder auf dem Platz zu bleiben hat, auf den er von Gott gestellt ist. Das zeigt sich in seiner Geringschätzung gegenüber Frauen (die nicht in der Kirche singen durften) und Juden (die er von Christen unterschieden haben wollte). Das zeigt sich in seiner Abneigung gegen überschießende Intellektualität, zumal wenn sich diese bei Frauen äußerte. Er war kein Ultra, sondern unter den Konservativen ein Gemäßigter, ausgestattet mit ein paar fixen Ideen."