Wo heutzutage junge Regisseure inszenieren, muß Popmusik her. Anselm Webers „Tartüffe“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin beginnt gleich ganz in der Disco: Wir sehen dem Jungvolk im Hause Orgon beim Abhotten zu. „Fuck yourself, motherfucker!“ lauten die ersten Worte des romantischen Liebhabers Valere (in Berlin und der Übersetzung von Emilie Schröder: „Valer“). Diese Typen sind echt junge, coole, total lockere Leute von heute – auch wenn sie in irgendwie unentschlossen historischen Kostümen stecken. Und alle, auch die Alten, sind total hysterisch.

Im Nationaltheater Weimar – Leander Haußmann hat den „Sommernachtstraum“ eingerichtet – müssen wir auf den ersten musikalischen Ausbruch etwas länger warten. Erst nach knappen fünf Minuten singt Theseus (ein Bohemien mit Langhaarperücke), blind vor Liebe für Hippolyta (eine Art Nutte im Reitkostüm), „You’re so beautiful to me“. Bloß diese eine Zeile. Hier die (vermutlich unvollständige) Liste der Interpreten, die sodann neben den Schauspielern den Abend bestreiten: Donovan, Janis Joplin, Bob Dylan, Neil Young, Tom Waits.

So weit, so gut. Und so wurst, so schlecht.

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In Berlin ist Orgons bis zur Selbstverleugnung verhauchte Tochter Mariane – eine schrille Zimtzicke aus dem Jugendzentrum nebenan (hingezickt von Cathlen Gawlich). Einziger Ausdruck ihrer Liebe zu Valere: heftige Zuckungen zu heißen Rhythmen. Herr Orgon (Klaus Piontek) leidet wiederholt an psychosomatischem Nasenbluten – wahrscheinlich eine Folge der ständigen Mißachtung durch seine schwererziehbare Tochter. Warum stellt Anselm Weber uns (und ihm) diese Tussi hin? Und so einen hohlen Galan daneben? Um uns seine eigene Jugendlichkeit zu beweisen, seine Solidarität mit seiner (total lockeren, bloß manchmal etwas faden) Generation?

Während man noch solchen Fragen nachgrübelt, hat sich Molières Komödie längst in hektischer Mattigkeit verloren. Ein zielloses Herumgestolpere hat um sich gegriffen, garniert mit Regieeinfällen, die man sofort wieder vergißt. Zum Schluß gibt es (ein beliebter Effekt auf Schul- und Klassenfesten) Schwarzlicht und dazu Konfettiregen.

Man könnte das alles vergessen – stünde nicht manchmal Horst Lebinsky da. Er spielt Orgons Schwager Cleante, aber das tut fast nichts zur Sache. Lebinsky ist eine Erscheinung jenseits aller Rollen: ein großer Klotz mit noch größeren Händen und einer dröhnenden Stimme. Er erzählt Geschichten, egal an was für Geschichten sich gerade ein Regisseur vorbeiinszeniert.