Schon wieder ein Tony Ross! Ein neuer Tony Ross! Oder vielmehr ein neuer Tony Ross? Als ob es sonst nichts Neues gäbe. Gibt es, und trotzdem leuchtet „Ein Märchen“ irisierend feengleich im Bilderbuchstapel.

Wer sich an die temperamentvollen, fast karikaturnahen Zeichnungen seiner Bücher der letzten Jahre gewöhnt hat, mit ihren gewagten Perspektiven und bildsprengenden Szenarien, wird diesmal überrascht sein. Zarte pastellgetönte Farbstiftzeichnungen, fein schraffiert, in den lichten Farben eines David Hockney – Tony Ross schlendert in seine Vergangenheit, dort, wo die Geschichte zu Hause ist.

England der zwanziger Jahre – ein grauschwarzer Himmel über einer kleinen Industriestadt – ein Zimmer mit Aussicht auf Hinterhofmauern – und Bessie schleudert wütend ihr Märchenbuch gegen den Ofen. „Warum handeln Bücher nicht von wirklichen Sachen statt von erfundenen?“ Welche Fee würde sich schon in dieses regennasse Drecksnest verirren? Man ahnt es. Es gibt sie natürlich, in Gestalt von Mrs. Gold, einer alten, dicken Dame, die jenseits der Mauer wohnt. Und damit beginnt die lebenslange Freundschaft zwischen Bessie und Daisy, wie sie Mrs. Gold im Alter nennt. In Bessies Alter, denn Mrs. Gold wird immer jünger, feengleicher.

Der Zauber dieses Märchens: Es gibt keine Zauberei. Keine drei Wünsche, keine Verwandlungen durch einen klingenden Elfenstab oder funkelnden Elfenstaub. Nur die zwei Seiten einer Mauer, zwei Welten, die miteinander spielen: Feen werden jünger und zarter, wenn sie glücklich sind (so wie manche Menschen!), Menschen werden älter und dicker, wenn sie unglücklich sind (so wie manche Feen!). Aber keine Angst: Die Moral ist nicht so schlicht gestrickt. Tony Ross ironisiert sein Märchen immer wieder durch kleine, gezeichnete Feen-Kommentare, durch Veränderungen des Lichts und Verfremdungen der Farben.

Und wenn am Ende die „junge“ Daisy Gold ihre „alte“ Freundin Bessie an der Hand führt, könnte man fast auf den Gedanken kommen, daß in Feenfreundschaften immer der eine auf Kosten ... Aber so genau will man es doch nicht wissen. Dazu ist Tony Ross’ Liebeserklärung an seine Geschichte viel zu lebensnah geraten.

Konrad Heidkamp

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