Sauerkraut und Abenteuer sind aufgewärmt am bekömmlichsten. Die Gefahr noch einmal heraufzubeschwören, des guten Ausgangs gewiß – sonst säße man nicht unter Freunden bei einem Glas Wein –, das ist ungetrübtes Vergnügen. Und so erzählt Maler Caspar die Geschichte die mit den „Hunden von Capurna“ anfing. Man kann seinen Schrecken nachempfinden, wenn man die streunenden Köter auf dem Umschlag des gleichnamigen Buches betrachtet. Bellend, zum Zubeißen bereit, starren sie mit unwirklichen Glotzaugen auf den Betrachter. Und Maler Caspar räumt ein, recht blauäugig gewesen zu sein, als er sich von den Bewohnern des kleinen spanischen Dorfes ausnehmen ließ.

Dies hat er mit den gutwilligen und bösartigen „Helden“ der anderen Geschichten gemeinsam. In fremden Ländern, ob Zaïre, Israel, Spanien, Frankreich oder gar Italien, bröckelt ihre Selbstsicherheit schnell ab, wenn sie erkennen müssen, daß die zu Hause anerkannte Überlegenheit nichts mehr gilt. Was nützen der Ärztin Suzanne ihre vielgerühmten Fahrkünste, wenn sie angesichts der wolkenbruchartigen Regenfälle in Afrika den Weg verliert und ihren Jeep in den von Krokodilen wimmelnden Fluß steuert? Ein Photoreporter kann weder durch Geld noch durch Einfluß erreichen, daß ein todkrankes Kind transportiert wird, weil der Justizminister des Landes die Maschine für einen Flug in die Hauptstadt braucht. Ein junger Tourist läßt sich nach und nach das in Kleidung und Rucksack sorgfältig versteckte Geld abschwindeln, und den überheblichen, mit allen Wassern gewaschenen Firmenchef bringen zwei Straßenschilder – eines neu angebracht, eines verdreht – in tödliche Gefahr.

Jo Pestum hat sich diese Abenteuergeschichten ausgedacht und erweckt sie mit knappen, prägnanten Sätzen zu prallem Leben. Und wenn der Photoreporter in Afrika trotzig-verzweifelt versucht, das Bild des sterbenden Jungen aus seinem Gedächtnis zu löschen, und am Ende zu sich sagt: „Nein, nach dem Namen des Jungen hatte ich nicht gefragt. Ich bin froh, daß ich nicht nach dem Namen des Jungen gefragt hatte“ – dann glaubt man, hinter dem Akazienbusch Papa Hemingway zustimmend nicken zu sehen.

Schon nach den ersten Sätzen steht man mitten in der Schwüle des Landes, im Prasseln des Regens, spürt die glitschigen Planken des Landestegs unter den Füßen. Ein Gefühl, das durch die hervorragenden realistischen Federzeichnungen Klaus Ensikats noch verstärkt wird. Ein leichtes Unbehagen, eine Bedrohung gehen von diesen Bildern aus, die ebenso in den Text hineinziehen wie zum genauen Hinsehen zwingen. Spannung wird bis zum Schluß gehalten, und fast alle Stories enden – ja, wie eigentlich? Jedenfalls so, daß die Hauptperson, wenn auch mit angeknackstem Selbstbewußtsein, weiterleben kann. Und es bleibt ein Rest von Nachdenklichkeit: über die eigene Hilflosigkeit, die uneingestandenen Vorurteile und die Arroganz gegenüber dem Fremden. Schade, daß das Abenteuer bald nur eine immer wieder erzählte Geschichte sein wird.

Susanne Krebs

  • Jo Pestum:

Die Hunde von Capurna

Illustrationen von Klaus Ensikat; Rowohlt-Taschenbuch Verlag, rororo rotfuchs, Reinbek 1992; 158 S., 7,80 DM