Von Matthias Naß

Diese Straße soll uns der Zukunft Chinas näherbringen? Ganze Ochsengespanne könnten in ihren Schlaglöchern versinken. Doch die zahllosen Lastwagen, die uns in wildem Slalom entgegenpreschen, uns rechts und links überholen und in ihre Staubfahnen einhüllen, sie lassen keinen Zweifel, daß wir auf dem richtigen Weg sind.

Daß die Zukunft Chinas in Da Qiu Zhuang schon begonnen hat, das steht für Li Feng Zhuang, den stellvertretenden Bürgermeister, fest. Arm, sehr arm seien die Bauern gewesen, die hier, eine gute Autostunde südlich der Hafenmetropole Tianjin, über viele Generationen Getreide angebaut haben. "Bis 1978 waren wir mit großer Mühe gerade in der Lage, uns satt zu essen und uns warm zu kleiden."

In jenem Jahr 1978 jedoch, in dem Deng Xiaoping auf dem berühmten 3. ZK-Plenum die Reformpolitik der chinesischen Kommunisten ausrief, wurde ein neues Da Qiu Zhuang geboren. Es begann mit ein paar gebrauchten Druckmaschinen, die Bürgermeister Yu Zuomin bei der Tianjin-Zeitung billig erstand. Der Druck von Broschüren schuf den Grundstock des Kapitals, das aus dem verlorenen 2000-Seelen-Dorf eine wild wuchernde Industrieansiedlung mit 15 000 Bewohnern werden ließ.

Die grünen Wiesen, auf die die Bauern von Da Qiu Zhuang ihre Fabriken setzten, sind heute braun, das Wasser in den Bächen schimmert veilchenblau oder rapsgelb. Inzwischen wird jährlich eine Million Tonnen Rohstahl zu Rohren geschmiedet, der Umsatz soll in diesem Jahr auf vier Milliarden Yuan steigen, etwa 1,3 Milliarden Mark. Mit Investoren aus Hongkong, Taiwan und Singapur, aus Japan und Amerika seien insgesamt 23 Joint-ventures abgeschlossen worden, schildert Herr Li den fabelhaften Aufstieg seines Heimatortes.

Der lindgrüne Mercedes 560 SEL vor dem Sitz des Dorfkollektivs ist der Dienstwagen von Bürgermeister Yu. So wie in der Kulturrevolution die selbstlosen Bauern von Dazhai Maos Vorbild für die Massen waren, so ist Yu heute ein Held des neuen China, in dem Deng Xiaopings Wort gilt: "Es ist ruhmvoll, reich zu werden."

Das Photo an der Wand zeigt den Bürgermeister, wie er mit Premierminister Li Peng in Zhongnanhai, dem Sitz von ZK und Regierung im Zentrum Pekings, plaudert. Parlamentspräsident Wan Li ist schon selbst angereist, wie das Bild daneben beweist, und hat mit seinem Besuch demonstriert: Da Qiu Zhuang ist ein Beispiel, von dem ganz China lernen soll.